Weiter Horizont

„Um heute nach dem Paradies zu fragen, muss man den Kopf weit über die Wolken strecken!“

Tim Voss © Carolina Frank

Vor rund einem Jahr wurde Tim Voss zum künstlerischen Leiter des Künstlerhauses bestellt. Er kam in einem Moment größter Turbulenzen, waren doch kurz davor Mitglieder der Künstlervereinigung ausgeschlossen worden. Voss nimmt nun die 2019 erfolgende Wiedereröffnung des Hauses am Karlsplatz in Angriff. Nina Schedlmayer sprach mit ihm über seine Ausstellungen, seine zweigleisige Strategie für das Künstlerhaus und über das Paradies.

Wie geht es Ihnen so in Wien?
Tim Voss: Ich wurde hier unheimlich warm empfangen. Ich erlebe die Stadt wie auf einem roten Teppich!

Dabei wurden Sie für Ihren Job schon bemitleidet, bevor Sie sich überhaupt bewarben.
Tim Voss: Man muss erkennen, welchen Gestaltungsspielraum man hat. Eine Krise ist für einen Neuankömmling ja vor allem eine Chance, es besser zu machen. Ich kenne so etwas: In Harburg habe ich einen Kunstverein wieder aufgebaut, der nahezu insolvent war, in Worpswede traf ich auf eine stillgelegte Residency, die ich wieder zu etablieren half.

Hier wird Ihre Aufgabe – auch – darin bestehen, ein Ausstellungsprogramm zu gestalten. Dafür arbeiten Sie mit einem Programmausschuss zusammen. Ist das nicht kompliziert?
Tim Voss: Wir haben rund 450 Mitglieder, alle sind Künstler. Wenn wir beispielsweise eine Ausstellung zum Thema Schatten gestalten würden, dann gäbe es bestimmt manche, die zu diesem Thema substanziell schon lange arbeiten und sich dann fragen, warum sie nicht dabei sind. Ich kann aber nicht alle 450 Mitglieder kennen. Wenn ich dagegen einen Open Call mache, werden sehr viele dieser Ausschreibung folgen. Erfahrungsgemäß ist dann mit großteils oberflächlichen Vorschlägen zu rechnen. Dann muss ich die meisten enttäuschen. Wir haben einen programmatischen Leitfaden verfasst, um diesen Strukturfragen auch wieder eine Inhaltlichkeit gegenüberzustellen. Und die Ausstellungen werden kuratorisch durchgeplant und mit Schlüsselpositionen besetzt. Danach kann man sie öffnen. Die Zuspitzung ist aber besser als ein Garten von Möglichkeiten.

Sie wollen mit den Ausstellungen also Statements setzen?
Tim Voss: Unbedingt. Wir werden aber zweigleisig fahren: Einerseits bieten wir Ausstellungen für eine breite Öffentlichkeit, andererseits ein Programm für Mitglieder, teilweise auch exklusiv. Ich nenne das eine postakademische Struktur – eben für Künstler, deren Zeit an der Kunstakademie lang her ist, die aber ein Netzwerk suchen. Das wird in der sogenannten Factory stattfinden. Ich kann mir vorstellen, dass es zum Beispiel öffentliche Vorträge gibt, zusätzlich aber auch Workshops mit den Rednern, die nur den Mitgliedern angeboten werden.

Welches Verhältnis sollte das Künstlerhaus der Secession gegenüber einnehmen?
Tim Voss: Die Secession hat eines der tollsten Programme in Europa, das ich kenne. Wir haben ein anderes Profil. Bei uns gilt es, aus der Vielheit der Kunstproduktion die Essenzen zu destillieren. Wir sind da weniger an einzelne Positionen gebunden denn an Inhaltlichkeiten. Da arbeiten wir anders als die Secession mit ihren Einzelausstellungen.

Sie studierten zunächst Visuelle Kommunikation in Hamburg. Wie kam es, dass Sie auf die Seite des Kulturmanagements wechselten?
Tim Voss: Ich machte damals experimentellen Film. Dann wurde ich Vater und kellnerte sechs Tage die Woche in einem Café. In dieser Zeit kam das Angebot, die Hochschulgalerie – gegen Bezahlung! – aufzubauen. So habe ich mich für den Kunstverein in Hamburg-Harburg empfohlen und so ging es eben weiter. Ich habe großes Glück gehabt.

Die VIENNA ART WEEK 2018 steht unter dem Motto Promising Paradise. Was ist für Sie ein paradiesischer Zustand?
Tim Voss: Ich finde die Frage nach dem Paradies unter dem Aspekt, dass wir in einer geradezu dystopischen Zeit leben, ganz interessant. Man hat ständig das Gefühl, alles werde schlimmer; die kulturellen Institutionen stellen sich ebenso infrage wie die demokratischen Systeme. Gleichzeitig entstehen, nicht weit von uns entfernt, totalitäre Regime. Um in dieser Zeit nach dem Paradies zu fragen, muss man den Kopf ganz schön weit über die Wolken strecken! Ich stehe in meinem künstlerischen Verständnis dafür, den Blick auf einen weiten Horizont zu lenken. Und da entdecken wir spannende Geschichten, etwa die Debatte über den Anthropozentrismus, der vor einer Zäsur steht, den neuen Materialismus oder den kritischen Posthumanismus. Dabei geht es darum, neue Verbindungen zwischen Natur, Material und Mensch zu denken, sich das Weltverständnis über neue wissenschaftsbasierte und ganzheitliche Vorstellungen zu erschließen. Und künstlerische Praxis ist ein unbedingter Teil dieser Forschung. Das Ergebnis wird das Paradies sein.

Artikel von Nina Schedlmayer:

Nina Schedlmayer lebt und arbeitet als Kunstkritikerin in Wien. Sie schreibt unter anderem für das Nachrichtenmagazin profil sowie für Kunstzeitschriften (PARNASS, Weltkunst) und erhielt 2017 den Staatspreis für Kunstkritik.

Tim Voss
Zur Person: Geboren 1968 in Singen, Deutschland. Lebt seit 2017 in Wien.
Hintergrund: Studierte Visuelle Kommunikation in Hamburg, leitete ab 2006 den Kunstverein Harburger Bahnhof, später den Amsterdamer Kunst- und Projektraum W139 sowie die Künstlerhäuser Worpswede.
Highlights: Neuaufstellung des Harburger Bahnhofs, Etablierung des Residency-Programms in den Künstlerhäusern Worpswede.
Heute: Künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Wien.



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection