Vom Sichtbarmachen

Der Wert der Alternative Spaces für die Gesellschaft ist unbestritten.

© Carolina Frank

Drei Kuratorinnen, drei kuratorische Herangehensweisen: Heike Eipeldauer, Verena Kaspar-Eisert und Franziska Sophie Wildförster werfen einen exemplarischen Blick auf den Kunststandort Wien und seine vielschichtigen Methoden zur Sichtbarmachung zeit­genössischer Kunst. Am 24. November führen sie im Rahmen des von ihnen kuratierten Open Studio Day zu ausgewählten Ateliers zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

In ihrer kuratorischen Arbeit spüren Heike Eipeldauer, Verena Kaspar-Eisert und Franziska Sophie Wildförster der Vielschichtigkeit zeitgenössischer Kunstbegriffe nach. Auf unterschiedliche Weise werden gesellschaftliche Themen, künstlerische Prozesse und ihre Bedingungen abgetastet, um soziokulturelle Phänomene zu hinterfragen, zu kontextualisieren und sichtbar zu machen.

Kuratieren als Gegenmodell
Heike Eipeldauer, Sammlungsleiterin im Leopold Museum, sieht „Ausstellungen als Erkenntnismedien“, die eine sinnlich-materielle Anschaulichkeit bieten und dadurch Räume erschließen, in denen sich eine erweiterte Art der Wissensproduktion ereignen kann. Im Leopold Museum kann sie auf eine umfassende Kunstsammlung zurückgreifen, die sie öffnen und für die Gegenwart produktiv machen will. Epochenübergeifend zu denken, historische Phänomene aus zeitgenössischer Perspektive zu beleuchten und dabei relevante aktuelle Fragen zu verhandeln, sieht sie als Kernaufgabe ihrer kuratorischen Praxis.

Verena Kaspar-Eisert vom KUNST HAUS WIEN sieht in ihrer Arbeit ein Gegen­modell zur sonstigen Schnelllebigkeit. Für ihre Ausstellungen entwirft sie Dramaturgien, um Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse zu begünstigen. Parcours machen unterschiedliche Zugänge und Ebenen zeitgenössischer Kunst sichtbar. Der Fokus liegt auf aktueller Fotokunst und ökologisch motivierter Kunst, die dringlichen Fragestellungen und komplexen Zusammenhängen nachgeht – aber auch visuell-ästhetische Bedürfnisse befriedigt.

Franziska Sophie Wildförster gründete 2016 gemeinsam mit Fanny Hauser, Carolina Nöbauer und Denise Helene Sumi den Kunstverein „Kevin Space“. Kuratieren ist für sie auch ein Prozess des Hinterfragens von erlernten Wissensstrukturen, um innerhalb konditionierter Erfahrungen Neues aufzuzeigen – Wildförster spricht von der „Dekolonisierung des Denkens“. Ausstellungsproduktion verhandelt dabei oft die Frage nach Entstehung, Verbreitung und Konsum von Wissen und Machtstrukturen, denen diverse Körper ausgesetzt sind.

Alternative Spaces und ihr Wert
Nach dem Kunststandort Wien befragt, erwähnen die Kuratorinnen die Qualität der Lehre (Kunstuniversitäten) sowie die Dichte und Diversität des kulturellen Angebots (Museen, Galerien, Kunstvereine). Dennoch scheinen nur bestimmte Gesellschaftsschichten Kunst als Gemeingut zu nutzen – wie könnte man dies ändern?

Alternative Spaces gelten als erste Anlaufstelle junger Kunstschaffender, deren Werk später häufig auf dem Markt messbare Werte kreiert. Der Wert der Räume selbst ist hingegen schwerer messbar, die Initiativen sind durchgehend in einer prekären Lage: Es mangelt an langfristigen Förderprogrammen, was mehrjährige Planungen erschwert. Der Wert für die Gesellschaft ist jedoch unbestritten. Erwähnenswert daher die seit Jahren geforderte Plattform für Alternative Spaces, die nun von Wildförster mit Bruno Mokross, Edin Zenun und Titania Seidl initiiert wurde. Ähnlich dem Galerienverband stellt sie eine Interessenvertretung zur Verbesserung von Vernetzung und öffentlicher Wahrnehmung der Alternative Spaces dar – weswegen sie für den Kulturstandort Wien so wichtig ist.

Bleibt zu hoffen, dass finanzielle Förderungen von Kulturinitativen weiter ausgebaut werden. Sie stärken die Sichtbarkeit gegenwärtigen Kunstschaffens und beeinflussen damit nicht zuletzt auch das künftige Verständnis unserer Zeit, ihrer Diversität und ihres kritischen Potenzials. Wer weiß, vielleicht führen sie auch zur höheren gesellschaftlichen Akzeptanz von Kunst?

Artikel von Christian Bazant-Hegemark:

Christian Bazant-Hegemark ist als Maler selbstständig und verfolgt seit seiner Dissertation eine umfassende kuratorische Praxis. Seit 2017 findet diese vor allem auf seinem YouTube-Kanal „On Doubt“ statt.

Heike Eipeldauer
Zur Person: Geboren 1978 in Wien, Kunsthistorikerin und Juristin.
Hintergrund: 2004 bis 2017 Kuratorin Bank Austria Kunstforum; Lehraufträge an der Uni Wien; Mitglied in Fachjurys; Publikationen zu klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst.
Highlights: „Georges Braque“ (2008), „Meret Oppenheim“ (2013/14), mit Stationen in Berlin und Toronto, „Birgit Jürgenssen“ (2010/11), „Georgia O’Keeffe“ (2016/17) mit Stationen in London und Toronto, „Künstlerpaare der russischen Avantgarde“ (2015/16, 2017), zuletzt „Gerhard Rühm“ (2017).
Heute: Sammlungsleiterin und Kuratorin des Leopold Museum.

Verena Kaspar-Eisert
Zur Person: Geboren 1981 in Vorarlberg, Kunsthistorikerin, lebt in Wien.
Hintergrund: Ab 2003 Galerien Knoll und Krinzinger sowie freiberuflich tätig. 2005 bis 2011 Produktionsleiterin und Kuratorin Kunstraum Niederoesterreich. 2011 bis 2014 Leitung Galerie OstLicht, 2012 bis 2014 auch Fotomuseum WestLicht.
Highlights: „Nasan Tur. Running Blind“ (2016), „Martin Parr. A Photographic Journey“ (2016), „Joel Meyerowitz. Retrospektive“ (2015), „Rinko Kawauchi. Illuminance“ (2015), „Judith Fegerl. Self“ (2010), Gruppenausstellungen „Visions of Nature“ (2017) und „Nacht“ (2012).
Heute: Kuratorin im KUNST HAUS WIEN.

Franziska Sophie Wildförster
Zur Person: Geboren 1987 bei München, lebt in Wien. Hintergrund: Studium der Kunstgeschichte in Wien, MA Visual Cultures und MFA Curating in London (Goldsmiths). Vier Jahre kuratorische Assistenz und Kuratorin bei Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21).
Highlights: Gruppenausstellungen „Abjects“ (Berlin) und „Scamming“ (Turin), Oa4s „Friendship“, Yuri Pattison – „Citizens of Nowhere“, Caspar Heinemann – „nothing is the end of the world they made“.
Heute: Selbstständige Kuratorin, Autorin und Direktorin des Kunstvereins Kevin Space, Wien.



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