Volle Kraft voraus!

„Wir beschäftigen uns damit, wie wir Absolventen unterstützen können. Was brauchen sie? Wie kann man das Wissen auf den Beruf umlegen?“

Foto: Karim El Seroui (li.) und Andrea B. Braidt (re.) © Carolina Frank

In der ehemaligen Traktorfabrik in Wien-Floridsdorf sind Ateliers und eine Kunstbrutstätte entstanden. Die Akademie der bildenden Künste Wien hat dort 15 Stipendiaten ein Jahr lang eingemietet. Zusätzlich sind weitere 27 Kunst- und Kreativschaffende des Creative Cluster Traktorfabrik vor Ort. Mit deren Vertreter Karim El Seroui sowie der Vizerektorin für Kunst und Forschung Andrea B. Braidt hat Karin Cerny gesprochen.

Wie kam es zur Zwischennutzung der ehemaligen Traktorfabrik?
Karim El Seroui: Ich war als freischaffender Künstler auf der Suche nach einem neuen Atelier und trat im April 2017 mit der Zwischennutzungsagentur „Kreative Räume Wien“ in Kontakt. Wir waren rund 30 Kreativschaffende, die Raum mieten wollten, aber der Quadratmeterpreis war uns zu hoch. Wir haben schnell gemerkt, dass es auch einen Mediator zwischen Eigentümer und Zwischennutzern braucht. Meine Aufgaben fangen bei der kaputten Steckdose an, gehen übers Kuratieren von Ausstellungen bis hin zum Schlichten interner Streitereien.

War es schwierig, den Eigentümer zu überzeugen?
Karim El Seroui: Das Thema Zwischennutzung schreckt viele zunächst ab. Mittlerweile besteht seitens des Eigentümers, der sehr kunstaffin ist, Interesse, dass die Kunst- und Kultur-Produktionswerkstätte Creative Cluster Traktorfabrik längerfristig bestehen bleibt.

Was hat die Akademie der bildenden Künste mit dem Projekt zu tun?
Andrea B. Braidt: Wir beschäftigen uns stark mit der Frage, wie wir Absolventen unterstützen können. Was brauchen sie? Wie kann man das Wissen aus dem Studium auf den Beruf umlegen? Raum ist für junge Kunstschaffende zentral. Bei unserem Anfang 2018 gestarteten Projekt „ArtStart“ gab es eine Ausschreibung; 15 von einer Jury ausgewählte Bewerber bekamen für ein Jahr einen Studio-Space in der Traktorfabrik und ein Coaching. Der Coach erarbeitet mit den Kunstschaffenden einen Jahresplan, damit auch klar ist, wie jeder den Ort nutzen möchte.

Wie wird die Präsentation im Rahmen der VIENNA ART WEEK aussehen?
Andrea B. Braidt: Das entscheiden die Stipendiaten. Ich denke, es wird ein Mix aus Screenings, Performances und Ausstellung. Unsere Idee ist, dass junge Künstlerinnen und Künstler herausfinden können, wie ihre künstlerische Praxis konkret aussehen soll. Ist es besser, wenn ich daheim arbeite oder doch im Studio? Es ist ein Experiment, bei dem auch Scheitern potenziell möglich sein muss.

Warum ist der Creative Cluster Traktor­fabrik dafür ideal?
Karim El Seroui: Als unabhängige, spartenübergreifende Kunst- und Kultur-Produktionswerkstätte beugen wir uns keiner Zensur. Das Projekt beherbergt Künstlerinnen und Künstler verschiedener Universitäten und Sparten – von Modedesign über Malerei, Grafik, Siebdruck, Fotografie bis hin zu Performance, Konzept- und Medienkunst. Da entstehen Synergien. Die originalen Stahlbeton-Rippendecken der ehemaligen Traktorfabrik geben Einblick in die Architekturgeschichte des letzten Jahrhunderts. Der denkmalgeschützte Wasserturm stellt ein zusätzliches architektonisches Highlight dar. Die originalen raumhohen Industrieverglasungen sorgen für Brooklyn-Industrieflair und bieten beste Lichtverhältnisse.
Andrea B. Braidt: Die Gegend ist für Kunst ideal, man ist nicht abgelenkt, hat aber trotzdem eine gute Infrastruktur. Der Aspekt des Netzwerkens war für uns auch zentral: dass sich die Absolventen mit Kunstschaffenden aus anderen Bereichen austauschen können. Und für das Kunstpublikum ist es spannend, einen neuen Raum zu entdecken.

Was ist wichtig bei Projekten mit Zwischennutzung?
Andrea B. Braidt: Jutta Kleedorfer, die in der Stadt Wien für Zwischennutzung zuständig ist, hat bei Immobilienentwicklern Vertrauen hergestellt. Natürlich sprechen Investoren eine andere Sprache als Kunstschaffende, da ist ein Annäherungsprozess nötig. Aber unter dem Strich kommt etwas heraus, was für beide sinnvoll ist. Vor zwei Jahren wusste noch kein Mensch, was die Traktorfabrik ist, mittlerweile spricht es sich herum.

Artikel von Karin Cerny:

Karin Cerny ist freie Journalistin in Wien. Sie schreibt regelmäßig im Kulturressort des profil und für Der Standard über Mode und Reisen.

Creative Cluster Traktorfabrik
Hintergrund: 1905 als Traktorfabrik in Wien-Floridsdorf errichtet.
Heute: Kunst- und Kultur-Produktionswerkstätte Creative Cluster Traktorfabrik mit einer Fläche von 1.500 Quadratmetern für derzeit 42 Kunstschaffende aus unterschiedlichen Bereichen – davon 15 Stipendiaten von „ArtStart“.
Projekt „ArtStart“ Einjähriges Studioprogramm für Alumni der Akademie der bildenden Künste Wien. Februar 2018–Februar 2019: gemeinsame Nutzung des Studioraumes im Creative Cluster Traktorfabrik und Teilnahme an einem Coachingprogramm. November 2018: Präsentation im Rahmen der VIENNA ART WEEK 2018. www.creacluster.at



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