Revolution der Mohrrübe

Bedarf es aber nicht gerade heute, da physische und digitale Realität verschmelzen, erhöhter Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Bildern?

Annette Kelm, Welcome, 2016 © Annette Kelm; Courtesy Galerie König Berlin/London

Ist das Stillleben eine antiquierte Gattung? Oder ein Feld, das der Werbeindustrie vorbehalten ist? Weder noch. Eine Ausstellung im Kunst Haus Wien demonstriert die Aktualität des Genres: Gerade in Zeiten digitaler Bilderfluten sträubt es sich gegen schnelle Erfassbarkeit und fordert dazu auf, Fotografie sorgfältiger zu lesen. Kunstschaffende wie Harun Farocki, Annette Kelm, Andrea Witzmann und Jan Groover gewinnen dem Stillleben neue Facetten ab.

Sollte man den Käse noch etwas weiter nach hinten rücken? Hat die Armbanduhr die richtige Position? Und was ließe das Bier noch etwas wärmer erscheinen? Diese Dinge überlegen sich die Protagonisten in Harun Farockis Essayfilm „Stilleben“ von 1997. Sie inszenieren Konsumprodukte für die Werbung, erstellen Fotografien davon, die einen Kaufimpuls auslösen sollen. Die Atmosphäre ist konzentriert, die Settings erinnern an Labors. Die Bilder, die hier gemacht werden, haben Vorläufer: in den Stillleben des 17. Jahrhunderts, von denen einige im Film auch zu sehen sind. Der Regisseur unterlegt sie mit Gedanken wie: „Nach 400 Jahren stellt sich die Frage, was die Gegenstände zu bedeuten haben.“

Verrätselte Arrangements
Ja, was haben die Gegenstände tatsächlich zu bedeuten? Dem geht auch die Ausstellung „Stillleben. Eigensinn der Dinge“ im Kunst Haus Wien nach, kuratiert von Maren Lübbke-Tidow. Häufig lässt sich die Bedeutung des Abgebildeten eben nicht dechiffrieren – und selbst wenn einzelne Objekte Aussagen transportieren, bleibt noch die Frage nach deren Zusammenhang. „In vielen Werken der Ausstellung können wir zwar die abgebildeten Gegenstände benennen, zugleich aber erscheinen die Arrangements verrätselt“, beobachtet Lübbke-Tidow. „Da bleibt vieles hermetisch und verweigert sich einer eindeutigen Lesbarkeit.“ Etwa die Kompositionen von Annette Kelm: Trockenblumen unterschiedlichster Art, Postkarten, die Kunstwerke abbilden, ein Objektiv, ein Pizzakarton – all das ist sehr bedacht drapiert. Ketuta Alexi-Meskhishvilis Fotos reinszenieren alltägliche Situationen: eine Jacke über einem Stuhl, Kaffeekapseln auf einem Fensterbrett. Unweigerlich fragt man sich, welche Geschichte sie zueinander brachte.

Kelms und Meskhishvilis Arbeiten sträuben sich gegen die schnelle Erfassbarkeit, die in anderen Bereichen der Fotografie, etwa der Reportage, gefragt ist. „Mit dem Stillleben verlangsamt sich das Sehen: Seine Bildräume entfalten enorme Präsenz. Diese Präsenz steht in einem klaren Kontrast zur Flüchtigkeit des Digitalen“, schreibt Lübbke-Tidow in einem Text zur Schau.

Lange Zeit hatte das Genre in der künstlerischen Fotografie freilich kein besonders gutes Standing. „Die Stillleben- und Objektfotografie wurde mit Produktfotografie assoziiert. Davon wollten sich Künstlerinnen und Künstler abgrenzen. Daher war das lange kein Thema“, erzählt die Kuratorin. Die Skepsis gegenüber der Gattung hat Tradition: So schimpfte der britische Maler William Hogarth 1753 in seiner „Analysis of Beauty“, das Stillleben sei „eine Sorte Malerei von niedrigster Wertschätzung, weil sie generell am einfachsten zu machen und am wenigsten unterhaltsam ist“.

Offenkundige Konstruiertheit
Hantierte man einst in der Malerei mit Früchten, Blumen und Totenschädeln, so kommt in der zeitgenössischen Fotografie das zum Einsatz, was uns im Alltag umgibt: Hans-Peter Feldmann montiert Blumentöpfe an einer Wand, Jan Groover arrangiert Gabeln und Pflanzen, Andrea Witzmann lässt einen Kaktus auf einen dysfunktionalen Stuhl treffen und Matthias Herrmann stapelt Glasnegative zu Mini-Skulpturen. Stets offenbaren die Werke, dass sie konstruiert sind – wie auch die Bilder in Harun Farockis Film, die vielleicht nicht das Paradies, immerhin aber paradiesische Momente versprechen. Lübbke-Tidow: „Das Paradies macht ganz schön viel Arbeit. Farocki zeigt, wie viele Leute zusammenkommen müssen, um Bilder zu produzieren, nach denen sich die Konsumentinnen und Konsumenten sehnen sollen.“

Indem die Arbeiten der Ausstellung ihre Gemachtheit zeigen, widersetzen sie sich gängigen Kriterien. Susan Sontag schrieb in ihrer Aufsatzsammlung „Über Fotografie“: „Je weniger frisiert, je weniger kunstfertig fabriziert, je naiver ein Foto ist, desto eher wird es für glaubwürdig gehalten.“ Bedarf es aber nicht gerade heute, da die physische Realität zunehmend mit der digitalen verschmilzt, erhöhter Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Bildern? Sollte man nicht alle Bilder intensiver, langsamer lesen?

Die Ausstellung zeigt, dass sich das Image des Stilllebens gewandelt hat. Die Malerei war im 19. Jahrhundert an einem ähnlichen Punkt. 1886 notierte Émile Zola: „War ein Bund Mohrrüben, unmittelbar studiert, naiv, in der persönlichen Note gemalt, in der man es sieht, nicht ebenso viel wert wie die ewigen Schinken der École des Beaux-Arts, wie diese Malerei mit Kautabakbrühe, die schändlicherweise nach Rezepten gekocht wird? Der Tag nahte, an dem eine einzige Mohrrübe eine Revolution bedeuten würde.“ Als übrigens Nicéphore Niépce um 1825 die ersten Fotografien erstellte, war eine davon ein Stillleben: Sie zeigt einen gedeckten Tisch. Schon aus diesem Grund ist eine Schau zum Stillleben in der Fotografie – ein größeres Projekt dazu gab es Lübbke-Tidows Recherchen zufolge lange nicht – längst überfällig.

Artikel von Nina Schedlmayer:

Nina Schedlmayer lebt und arbeitet als Kunstkritikerin in Wien. Sie schreibt unter anderem für das Nachrichtenmagazin profil sowie für Kunstzeitschriften (PARNASS, Weltkunst) und erhielt 2017 den Staatspreis für Kunstkritik.



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