Promising Paradise

Solange es Wunder gibt, kann es auch Paradiese geben.

Markus Hanakam und Roswitha Schuller, Bloom Production Shot © 2011, Courtesy die Künstler und Galerie Krinzinger

Seit jeher träumt die Kunst von einer besseren Welt. Kaum ein Topos eignet sich besser dafür als jener des Paradieses: Mangels eines realen Pendants entfaltet er seine größte Wirkung in den Bildern der Imagination. Auf der Suche nach dem Paradies finden sich freilich zwei Wegweiser, denen die VIENNA ART WEEK 2018 folgt. Ob es dabei um ein viel versprechendes Paradies oder doch um das Versprechen des Paradieses geht? Das darf – noch – offen bleiben.

Ist das Paradies ein Bild, ein romantischer Traum von etwas, was nie war und nie sein wird, aber dennoch im schönsten nur erdenklichen Licht erstrahlt? Und gibt es tatsächlich keinen irdischen Ort, der dem Paradies entspricht? Kennt nur die Sehnsucht dieses geheimnisumwitterte Land – ein Hirngespinst? –, um das sich so viele Mythen ranken und zu dessen Wesen es gehört, dass es sich nicht offenbart? So oder ähnlich könnte man das Zitat des symbolistischen Malers Edward Burne-Jones aus dem Fin de Siècle paraphrasieren. Auf der Suche nach dem Paradies finden sich zwei, eher unzuverlässige, Wegweiser: die Sehnsucht und das Versprechen. Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl definierte das Paradies in seiner gleichnamigen Trilogie als die drei christlichen Tugenden „Liebe“, „Glaube“ und „Hoffnung“. In den Jahren 2012 und 2013 übersetzte er diese abstrakten Begriffe in Laufbilder, die in den Erzählungen von drei Frauen menschliche – oder, um es mit Friedrich Nietzsche zu formulieren, allzu menschliche – Lebensnähe jenseits von Gut und Böse demonstrieren. Sie zeigen auch, dass diese Werte selbst heute noch fundamentale psychische Antriebskräfte mobilisieren.

Die Doppeldeutigkeit des programmatischen Titels der VIENNA ART WEEK 2018, Promising Paradise, ist Konzept: Geht es um ein viel versprechendes Paradies oder vielmehr um ein Paradies, das versprochen wird? Um ein „Paradise found“ oder ein „Paradise lost“?

Ersteres wäre eine Affirmation des ohnehin schon ziemlich idealisierten, quasi unerreichbaren und stets nur in seiner Abwesenheit existierenden Ortes, also eigentlich eines Nicht-Ortes. Eines seelischen Residualraumes, der sowohl in individuellen als auch in kollektiven Fantasien auf einer jahrtausendealten kulturgeschichtlichen Tradition fußt. Er wird entweder als verlorenes Reich der Unschuld ohne Kenntnis von Scham und Sühne zurück in die Vergangenheit projiziert oder – als Ereignis in der Zukunft, in einer Zeit nach dem Tod – als Erlösungsmetapher hypostasiert. Das Versprechen vom Paradies als existentieller Möglichkeit kann auch als rhetorisches Stilmittel der Überredung verwendet werden, als manipulative Option, die sich für politische Zwecke instrumentalisieren lässt. Die Hoffnung auf eine einlösbare Utopie wird wie ein Mikrochip in die Köpfe von Menschen implementiert, das Begehren der Einzelnen verwandelt sich in eine gesamtgesellschaftliche Teleologie.

Die europäische Geschichte ist gepflastert mit fragwürdigen politischen Versprechungen, die sich einem ungebremsten Machtstreben und einer persuasiven Rhetorik verdanken und gerade heute wieder den rechtsnationalen und populistischen Diskurs beherrschen. Da es kein eindeutiges reales Pendant, keine wirkliche Entsprechung dieses Locus amoenus in den kanonischen Texten vieler Religionen gibt, entfaltet der Topos des Paradieses seine größte Sogwirkung in der Vorstellungskraft – in den Bildern der Imagination. Wahrscheinlich eignet er sich auch deshalb so gut für ästhetische Bearbeitungen, wie man sie in der bildenden Kunst, dem Film, der Literatur und der Musik finden kann. Ein Hauptanliegen der Kunst war schon immer das Visionieren von fantastischen Paralleluniversen oder das Träumen von einer besseren Welt. Dies lässt sich an den vielen Darstellungen von Ideallandschaften und den ins Bild gesetzten Vorstellungen von einem Garten Eden erkennen, in dem sich alles Kreatürliche, Menschen und Tiere, Fauna und Flora in einem friedvollen Miteinander tummeln. Einen Hort der Glückseligkeit wollte sich beispielsweise der britische Millionär Sir Edward James schaffen: Von 1960 bis zu seinem Tod 1984 errichtete er im mexikanischen Bergdorf Xilitla im tropischen Regenwald der Huasteca Potosina eine surrealistische Parkanlage, eines der skurrilsten Denkmäler dieser Welt. In der Gegenwart finden wir einen paradiesischen Gestaltungsdrang in Landschaftsarchitekturen wie Duisburg Nord, der ästhetischen Transformation einer Industrieruine, oder in der marketinggeschulten Inszenierungskunst von Shoppingmalls. Artifizielle Paradiese stellte auch der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski in den Mittelpunkt seiner Serie „Paradise Now“ und lichtete das urbane Grün und die künstlichen Sonnen asiatischer Megacitys ab.

Kunstwelten unter dem Banner der Schönheit schaffen auch zeitgenössische Maler wie Chris Ofili, der den Garten Eden in Rot, Grün und Schwarz gemalt hat, und Peter Doig, dessen Gemälde nicht nur Paradiese darstellen, sondern auch zeigen, was diese verdrängen. Die beiden Künstler lassen sich von ihrer Lebensumgebung inspirieren: Sie leben auf Trinidad, einem tropischen Inselparadies in der Karibik. Das unstillbar scheinende menschliche Verlangen nach einer heilen Welt, einer intakten Natur und Umwelt begründete in der Moderne die Faszination von jenen Exotismen, die beispielsweise in den Gemälden von Paul Gauguin ihren künstlerischen Ausdruck fanden. Seine Darstellungen einer satten, unverdorbenen Natur in einem fernen Land und der natürlichen Lebensweise der indigenen Bevölkerung beflügelten am Beginn des 20. Jahrhunderts Fantasien von Authentizität und Ursprung als Gegenbilder zu einer vom mechanistischen Rhythmus der industriellen Revolution geprägten Gesellschaft.Der deutsche Konzeptkünstler Peter Kees besetzte in den unterschiedlichsten Ländern der Welt kleine Territorien, steckte erstmalig 2013 in Finnland einen Quadratmeter Erde ab und rief das Land des ewigen Glücks aus. Die vielen kolonisierten Flecken addierte er dann, in Buchform festgehalten, zu seiner Idee des Staates Arkadien. Seine Botschaft formulierte Kees so: „Mein Arkadien ist ein poetischer Gegenentwurf zur Verderbtheit der Zivilisation.“ Eine Kompensation also von Sündenfall und Vertreibung? Verlorenes Paradies, für immer?

Die griechische Landschaft Arkadien gilt als das antike Pendant zum christlich-jüdischen Paradies. Sie wird mit einem nahezu unberührten, ruralen Idyll verbunden und war sowohl in der Renaissance als auch im Barock Symbol für das Goldene Zeitalter, in dem die Menschen als glückliche Hirten lebten und sich im Einklang mit der Natur ganz der Muße, der Liebe, der Dichtung und der Musik hingaben. Hans Op de Beecks „Writer’s Island“ entwirft aus heutiger Perspektive eine Phantasmagorie von einem eskapistischen Rückzugsort und gibt dem Topos der einsamen Insel in einer informationsübersättigten und beschleunigten Zeit eine aktualisierte ästhetische Gestalt. Doch wie so oft entzieht der belgische Künstler seinen Kunstwerken die Farbe. Die Trostlosigkeit des Graus konstatiert letztendlich einen Sehnsuchtsort, der sich mit der Alltäglichkeit nur schwerlich vereinen lässt. So vermag „Et in Arcadia ego“ („Auch ich war in Arkadien“) als permanentes gesellschaftliches Experiment mit offenem Ausgang gelesen zu werden. Es kann den Charakter eines Memento mori annehmen, als Inschrift in den Gemälden von Nicolas Poussin erscheinen oder zum Kunstprojekt „Little Sparta“ des schottischen „Avant-Gardeners“ Ian Hamilton Finlay werden: In jahrelanger Zusammenarbeit mit seiner Frau schuf er einen zwei Hektar großen Garten mit unzähligen Skulpturen und „garden poems“. The Guardian bezeichnete ihn einmal als Wunder des 20. Jahrhunderts. Und solange es Wunder gibt, kann es auch Paradiese geben.

Artikel von Robert Punkenhofer und Angela Stief:

Robert Punkenhofer ist Künstlerischer Leiter der VIENNA ART WEEK und Gründungsdirektor von Art&Idea. Als Kurator arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst, Design, Architektur und internationaler Wirtschaft.

Angela Stief ist selbstständige Kuratorin und Publizistin. Seit 2003 Lehraufträge im In- und Ausland. Regelmäßige Publikationen und Texte über zeitgenössische Kunst in Ausstellungskatalogen und Magazinen.



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