Paradise Lost?

Das Glück auf Erden, wie es die Götter vorgelebt hatten, sollte den Künstlern immer ein Thema bleiben.

Pauwels Franck, gen. Paolo Fiammingo (um 1540–1596), „Amori“: Reciproco amore (Etá dell’oro), zwischen 1585 und 1589 © KHM-Museumsverband

Mit der Aufklärung wurde die Geschichte des Sündenfalls aus dem religiösen Kontext gelöst. Was die Religion für ein Leben nach dem Tod in Aussicht gestellt hatte, wollte sich der Mensch nun auf Erden schon erobern. Was aber ist vom Paradies geblieben?

Wer erinnert sich nicht an den Schlachtruf einer ganzen Generation, „Paradise Now!“? „Alle Völker, die eine Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldenes (Zeit-)Alter“, schreibt Friedrich Schiller. Und von Marcel Proust stammt das Bonmot: „Die wahren Paradiese sind die verlorenen Paradiese.“

Seit jeher versucht man, Paradiesvorstellungen in das Hier und Jetzt unseres irdischen Lebensraums zu projizieren und poetisch-philosophische Mythen in irdische Lebensräume zu übertragen. Darstellungen von Kunst- und Traumwelten geben einen Begriff unserer Vorstellungen und Träume vom Paradies und beschwören das vollkommene Glück. Diese Bilder imaginieren das Goldene Zeitalter, ein Leben in Harmonie mit der Natur und nach freiem Liebesrecht.

Unsere Bilder vom Paradies sind in der Natur angesiedelt: ein wasserreicher Garten, reich mit Bäumen bepflanzt. Zu ihnen gehört auch der Lebensbaum, dessen Frucht die Unsterblichkeit schenkt, außerdem gibt es einen Baum der Erkenntnis. Die Szenen, die uns die Bibel vom Paradies malt, entstammen einer archaischen Vorstellungswelt. Sie prägt die Schöpfungsmythen aller Religionen.

So stellten sich die Kelten im Sagenkreis um König Artus den „Avalon“ als Apfelgarten vor, und bei den Griechen lag der „Garten der Hesperiden“ mit seinen goldenen Äpfeln auf einer Insel im Westen. Die olympischen Götter lebten am gleichnamigen Berg ein unbeschwertes Leben vor und traten mit der irdischen Welt, die Glück als Abspiegelung ihres göttlichen Lebens begriff, zuweilen auf sehr menschlich-konkrete Weise in Verbindung. Das Glück auf Erden, wie es die Götter vorgelebt hatten, sollte den Künstlern immer ein Thema bleiben.

Charakteristisch für die abendländische Konzeption des Paradieses ist, dass die Erzählung vom glücklichen Urzustand nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft projiziert ist. Das Paradies nimmt einen zentralen Platz in der Heilsgeschichte ein. Die Religionen des Vorderen Orients, Judentum, Christentum und Islam, leben von der Utopie, dass sich der verlorene Idealzustand nach einem Weltengericht wieder herstellen ließe.

Die biblische Erzählung von Paradies und Sündenfall regte über Jahrtausende die Fantasie der Menschen an. Die Requisiten sind rasch aufgezählt: ein nackter Mann, eine nackte Frau, ein Baum, eine Schlange und ein Apfel. Zum Apfel gibt es übrigens eine parallele Darstellungstradition, die mit der Gestalt der Eva auf dem berühmten Genter Altar der Brüder van Eyck 1432 ihren Anfang nahm. Dort hält Eva eine Zitrusfrucht in der Hand, die botanisch als „Pomum Adami“, also als „Adamsapfel“, bestimmbar ist. Nach der mittelalterlichen Bibelauslegung blieb Adam die Frucht beim Schlucken buchstäblich im Halse stecken. Unser Adamsapfel – der Kehlkopfvorsprung – ist demnach nichts anderes als die allgegenwärtige Erinnerung an die Ursünde unserer Eltern.

Im Mittelalter waren Gewürze wie Pfeffer, Zimt, Nelken, Muskatnuss, Ingwer oder Safran Sendboten aus einer sagenhaften Welt. Ihr Aroma wurde als ein Hauch verstanden, der aus dem Paradies in die menschliche Welt herüberweht.

Für den Menschen nördlich der Alpen lag das irdische Paradies cisalpin, südlich der Alpen. Sehnsucht nach dem Süden hieß Sehnsucht nach Italien, wo das Verlangen nach schöner Natur und Wärme, nach Kunst und Kultur gestillt werden konnte. Goethes Gedicht „Kennst du das Land? wo die Citronen blühn“ wurde zum Inbegriff mittel- und nordeuropäischer Italien-Sehnsucht seit dem 18. Jahrhundert.

Der deutsche Aufklärer Immanuel Kant löste die Geschichte des Sündenfalls vollends aus dem religiösen Kontext und gab ihr eine neue moralische Perspektive. In seinen Augen war die Vertreibung aus dem Paradies eine Chance für das Menschengeschlecht. Nur so konnte es auf den Weg der Vernunft und des Fortschritts gebracht werden. Indem die ersten Menschen ihre Bequemlichkeit im Paradies verloren hatten, wurden ihre Nachkommen zu Agenten der Sittlichkeit und der immer strebenden Bemühung. Die Zeiten waren also vorbei, in denen der Mensch unmittelbaren Austausch mit dem Himmel hatte. Das 19. Jahrhundert amputierte dem Glauben seine Jenseitsdimension. Was dem Menschen bis dahin die Religion für ein Leben nach dem Tod in Aussicht gestellt hatte, wollte er sich nun auf Erden schon erobern. Er glaubte sich imstande, dem Versprechen auf paradiesisches Glück und Zufriedenheit hier und jetzt Wirklichkeit zu geben. Er, dem sich das Jenseits entleert, will im Diesseits nicht umsonst gelebt haben. Mit der Hoffnung auf das irdische Paradies ist die Angst vor der Sinnlosigkeit des Daseins gepaart. Nach seinem Motiv für die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer gefragt, antwortete ein junger Marokkaner im Frühjahr 2016 vor der Abreise: „Das Paradies, für das wir unser Leben lassen, heißt Schengen.“

Dieser Text ist eine überarbeitete und gekürzte Version der Eröffnungsrede von Sabine Haag für den Carinthischen Sommer, Stift Ossiach, am 14. Juli 2016.

Artikel von Sabine Haag:

Sabine Haag ist Kunsthistorikerin und seit 2009 Generaldirektorin des KHM-Museumsverbandes.
Seit 2018 ist sie auch Präsidentin der österreichischen UNESCO Kommission.



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