Neu-Anfrage

„Wie macht man aus wenig viel? Wie schafft man mit einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit?“

Foto: Nives Widauer (li.) und Nick Oberthaler (re.) © Carolina Frank

Nives Widauer wird im Rahmen der VIENNA ART WEEK eine neue Präsentationsform ausprobieren und frühere Arbeiten in neue Zusammenhänge setzen. Ihr Kollege Nick Oberthaler hilft indes jungen Künstlern in der Frage, wie man eine Karriere überhaupt startet. Ein Gespräch übers Anfangen, Aufräumen und Umwandeln.

Sich stets neu ausprobieren
Ein luftiges Atelier in Naschmarktnähe. Nives Widauer ist gerade erst eingezogen, viele der Arbeiten rund um sie haben vorerst einen provisorischen Platz. Afrikanische Masken sind zu sehen, Aquarelle, ein weißer Spitzenhandschuh auf einem Degen. Passend, dass Widauer, der im Rahmen der VIENNA ART WEEK eine Einzelausstellung gewidmet ist, sich darin ihrer eigenen Vergangenheit widmen will. „Auf einer Achse und aus verschiedenen Jahren“ will sie arbeiten, Werke verschmelzen lassen, die sich entlang eines Themas mit der Zeit entwickelt haben: Sie werde damit eine neue Präsentationsform ausprobieren, eine neue Art, mit den eigenen Arbeiten umzugehen.

Mit dabei sind etwa „Monitorlove“, eine ihrer frühesten Videoinstallationen – Widauer kommt ja „aus der Videoecke“, hat in den 1980ern in Basel Videokunst studiert –, die Aquarellserie „Past Patterns“, die mit Schnittmustern von Kleidungsstücken spielt, oder die Arbeit „Gone“: Dabei wird auf einen Gobelin aus dem 18. Jahrhundert schemenhaft die Gestalt einer Frau projiziert.

Widauer arbeitet immer wieder auf der Grundlage von Dingen, die sie besitzt, derzeit etwa mit den eigenen Möbeln. Schon über einige Jahre zieht sich das Projekt „Aufraum“, in dem es ums Aufräumen und Draufschauen geht. Dabei verwandelt sie Dinge, die sie sonst weitertragen und digitalisieren müsste, in Bronzegüsse. Das bekannteste Stück ist wohl ihre „Datenbank“ – erstellt aus Kassetten mit ihren früheren Videoarbeiten.

„Für mich ist der Wandel, die Transformation von Dingen ein wichtiger Teil meiner Arbeit“, sagt Nives Widauer. Dass sie derzeit viel ausstellen kann, hilft ihr dabei. „Ich merke, dass dieses Transformieren automatisch passiert.“ Ebenso gefällt ihr die Tatsache, dass sie nach Ausstellungen in größeren Museen ihre Arbeiten nun im weissen haus und damit in einem experimentellen Space zeigt. „Ich glaube, man muss sich immer wieder neu ausprobieren, und das weisse haus ist so ein Ort, wo viele Leute neue Wege gehen.“

Wie macht man aus wenig viel?
Die Frage, wie man die boomende Offspace-Szene überhaupt erst mit der Praxis der Institutionen verbindet, beschäftigt indes ihren Kollegen Nick Oberthaler, wenngleich nicht unmittelbar persönlich: Er ist Maler, sitzt im Vorstand der Wiener Secession, unterrichtet selbst manchmal und hält in diesem Zusammenhang nun einen Workshop für Kunststudenten aus Bordeaux. Dabei geht es um die Frage, „wie man als Künstler überlebt“. In Wien will Oberthaler den jungen französischen Kollegen Kunsträume und das hiesige Ausbildungssystem vorstellen und mit ihnen im Rahmen der VIENNA ART WEEK in der auf junge Kunst spezialisierten Galerie VIN VIN einen Abend gestalten. Was genau es wird – eine Performance, ein Happening? –, ist im Vorfeld naturgemäß unklar. Jedenfalls etwas, „was mit leichten Mitteln zu realisieren ist“, so Oberthaler. Denn darauf komme es an, „wenn man mit der Akademie fertig ist, kein Geld und keinen Job hat oder für wenig Geld für andere Künstler arbeitet: Wie macht man aus wenig viel? Wie schafft man mit einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit?“ Promising Paradise, das Motto der VIENNA ART WEEK 2018, passe jedenfalls gut für diese Auseinandersetzung mit den Versprechen des Betriebssystems Kunst.

Auch Widauer wähnt sich noch nicht im Paradies – zum Glück. „Ich habe immer das Gefühl, ich bin am Anfang, jedes Projekt ist ein neues Projekt“, sagt sie. „Ich habe nie das Gefühl: Oh, jetzt bin ich angekommen.“

Artikel von Teresa Schaur-Wünsch:

Teresa Schaur-Wünsch hat Anglistik und Medienkunde studiert und ist Redakteurin bei der Tageszeitung Die Presse in Wien.

Nives Widauer
Zur Person: Geboren 1965 in Basel. Lebt in Wien. Hintergrund: Ausbildung in Videokunst in Basel. Seit 1989 Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, Performances, Theaterprojekte, Bücher und Filme. Zahlreiche Preise und Stipendien.
Highlights: Für „Special Cases“ begleitete sie die Instrumenten-Kisten der Wiener Philharmoniker auf Reisen, baute eine Skulptur daraus und publizierte ein Buch. In „Bee inspired–Bee Rome“ untersucht sie gemeinsam mit dem Istituto Svizzero die Geschichte der Bienen Roms. Ihre Arbeiten wurden zuletzt u. a. im Kunsthaus Zürich, im Wiener Belvedere und im Kunsthistorischen Museum Wien gezeigt.
Heute: Bildende Künstlerin zwischen Video, Installation, Fotografie und Malerei.

Nick Oberthaler
Zur Person: Geboren 1981 in Bad Ischl. Lebt in Wien. Hintergrund: 2001 bis 2004 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien und an der École supérieure des beaux-arts Genève, Schweiz. Seine konzeptuellen Malereien entstehen oft am Computer und werden auf Leinwand oder Aluminium ausgeführt.
Highlights: Einzelausstellungen zuletzt u. a. in der Galerie Martin van Zomeren, Amsterdam (2017), in der Galerie Maria Bernheim, Zürich (2016), in der Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, in der Galerie Emanuel Layr, Wien (2015), und im Museo H.C. Andersen/Galleria nazionale d’arte moderna, Rom (2014). 2014 Anton-Faistauer-Preis für Malerei des Landes Salzburg.
Heute: Maler



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