Mehr Mut

Foto: Gerhard Bast (li.) und Virgil Widrich (re.) © Carolina Frank

Ein Gespräch mit Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, und Virgil Widrich, Leiter des Studiengangs „Art & Science“, über die bildungspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen durch die digitalen Transformationen: angefangen bei der Förderung vernetzten Denkens an den Universitäten über die notwendige Neudefinition des Arbeitsbegriffs bis hin zu Überlegungen, wie Computer dazu beitragen könnten, dass die Welt vielleicht eine bessere wird.

Wie werden Studierende „klüger“ als jede Künstliche Intelligenz?
Gerald Bast: Die Frage ist, was „klüger“ heißt? Alle reden immer davon, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Geschichte der Wissenschaft ist aber eine der Fragmentierung von Wissen. Wir haben mit „Art & Science“ und „Cross-Disciplinary Strategies“ zwei neue Studiengänge, in denen der Umgang mit Ambiguität, mit Ungewissheiten eine zentrale Rolle spielt. Es geht darum, neue Denkgebäude zu entwickeln.
Virgil Widrich: Alles befindet sich gerade in Transformation, und ich glaube nicht, dass in Zukunft die Vorstände von Automobilkonzernen immer Männer und Techniker sein müssen. Ich glaube, man wird Leute brauchen, die sich überlegen, wozu welche Art von Mobilität überhaupt notwendig ist.

Wie können wir mit den Computern mithalten?
Gerald Bast: Den Wettlauf mit den Computern würden wir auf vielen Gebieten verlieren. Deswegen müssen wir auch die Konzentration auf Mathematik, Informatik etc. aufgeben. In den 1960/70er-Jahren haben sich in allen Bereichen quantitative Methoden durchgesetzt. Ich behaupte, dasselbe wird in den nächsten Jahren mit kreativen Methoden passieren. Kreativität und Intuition werden immer wichtiger, das Digitale Zeitalter wird sich in ein Kreatives Zeitalter verwandeln.
Virgil Widrich: Es geht nicht darum, besser Schach zu spielen als ein Computer. Es geht darum, neue Schachspiele zu erfinden. Das können Menschen gut: Am AKH wird Computern gerade beigebracht, Röntgenbilder auszuwerten. Für Länder wie Indien könnte das immens wichtig werden, weil mehr Frauen um weniger Geld auf Brustkrebs gescreent werden könnten.

Wir werden also nicht überflüssig? Momentan leben wir ja in einer Gesellschaft, in der Arbeitslosigkeit ein Makel ist.
Gerald Bast: Ja, das wird auch eine gesellschaftszerstörende Kraft entfalten – die Vorstellung von „Arbeit gleich Selbstwert“. Die Digitalisierung wird Arbeitslosenquoten bringen, die nicht mehr beherrschbar sind. Dabei könnte man sich etwa am Modell der athenischen Demokratie orientieren, wie eine Gesellschaft freier Bürgerinnen und Bürger aussehen könnte. Die langweiligen Sachen übernehmen statt Sklaven die Maschinen.

Ich habe beim Lesen von Artikeln über Artificial Intelligence (AI) den Eindruck, als hätten wir die Gestaltungsmacht längst aus den Händen gegeben.
Virgil Widrich: Wir Europäer hinken hinterher. Mich ärgert Airbnb wahnsinnig. Warum muss ein Salzburger, der sich in Wien eine Wohnung mietet, einen amerikanischen Konzern reicher machen? Die bekommen die Daten, zahlen keine Steuern und ruinieren die Hotels. Oder auch Facebook … Wir brauchen unbedingt europäische Plattformen. Das wäre ein lohnendes Projekt für die EU.
Gerald Bast: Und es würde völlig neue Arbeitsfelder eröffnen. Aber da muss man etwas dafür tun! Man muss an den Universitäten nachdenken, wo diese liegen könnten.

Wie werden AI und Gentechnik das Menschenbild verändern?
Gerald Bast: In Edward O. Wilsons berühmtem Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ geht es um soziale und kulturelle Prozesse. Das Technische ist bloßes Werkzeug. Dringend notwendig ist, dass die Geisteswissenschaften, die ja seit Jahrzehnten in der Krise sind, zu diesem neuen Menschenbild beitragen. Fundamental etwas Neues erschaffen: Das können Computer nicht.
Virgil Widrich: Auch das könnte sich ändern. Ich bin sicher, dass es bald verboten wird, selbst Auto zu fahren – weil zu gefährlich. Die nächsten Demütigungen stehen aber auch auf der philosophischen Ebene ins Haus: wenn Computer bessere Romane oder Drehbücher verfassen.
Gerald Bast: Wäre ein Computer in der Lage, die „Odyssee“ zu schreiben?
Virgil Widrich: Das Heldendrama ist recht standardisiert. Aber ja, könnte ein Computer so etwas wie die Relativitätstheorie erfinden? Das war wirklich eine ganz neue Denkleistung. Was wäre daran aber so schlimm? Dann hätten wir einen Computer, der uns die nächste Relativitätstheorie erklärt.

Artikel von Christa Benzer:

Christa Benzer ist Redaktionsmitglied der Kunstzeitschrift springerin und freie Mitarbeiterin der Tageszeitung Der Standard.

Gerald Bast
Zur Person: Geboren 1955 in Freistadt.
Hintergrund: Studien der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Promotion in Rechtswissenschaften.
Highlights: Initiierte an der Universität für angewandte Kunst Wien zahlreiche neue Programme wie „Social Design“, „TransArts“, „Cross-Disciplinary Strategies“ sowie ein Doktoratsstudium der Künste. Begründete das „Angewandte Innovation Lab“ zur disziplinenübergreifenden Kommunikation zwischen Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
Heute: Seit 2000 Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Board-Member European League of Institutes of the Arts, Kuratoriumsmitglied Europäisches Forum Alpbach.

Virgil Widrich
Zur Person: Geboren 1967 in Salzburg.
Hintergrund: Studium an der Filmakademie Wien, die er aber bald verließ, um am Drehbuch für einen Science-Fiction-Film zu arbeiten. 1999 Gründung seiner eigenen Filmproduktion, 2001 Mitbegründer der Firma checkpointmedia, die künstlerisch anspruchsvolle Medieninszenierungen und Ausstellungen produziert.
Highlights: „Copy Shop“ gewann nach der Premiere 2001 insgesamt 37 Preise, wurde für den Oscar nominiert und war auf zahlreichen TV-Sendern und über 700 Filmfestivals zu sehen.
Heute: Seit 2010 Leitung des Studiengangs „Art & Science“ an der Universität für angewandte Kunst Wien.



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