Macht der Fotografie

„Wichtig war uns die Untersuchung des fotografischen Bildes: Wie wird das Medium manipuliert? Wie eingesetzt? Welche Wirkung hat es?“

Foto: Kanzler Engelbert Dollfuß mit dem österreichischen Botschafter Georg Franckenstein auf dem Flughafen in Croydon, London, 16. Juni 1933 © Austrian Archives/Imagno/picturedesk.com

Fotografische Bilder, die Österreichs Geschichte der vergangenen 100 Jahre mitgeschrieben und sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Photo/Politics/Austria“ im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Fünf Fragen an die Ausstellungskuratorinnen Monika Faber und Susanne Neuburger.

Worum geht es in der Ausstellung?
Monika Faber: Im Zentrum steht die Frage: Wie funktioniert Fotografie in Zusammenhang mit öffentlicher Rezeption? In welchen Formaten wurden Bilder publiziert – angefangen von der Bildpostkarte, die früher eine viel wichtigere Rolle bei der zeitnahen Information über Ereignisse gespielt hat, über Plakate und Filmstills bis zu Zeitschriften- und Plattencovers? Elfie Semotans Unterwäsche-Werbung sorgte Ende der 1970er für Aufregung. Der Hand-Shake eines Innenministers mit dem Terroristen Carlos blieb haften, obwohl nur eine unscharfe Aufnahme existiert. Wer „I wer’ narrisch“ hört, sieht Hans Krankl vor sich, wie er in Cordoba aus dem Fernsehbild läuft.

Wie haben Sie die Ausstellung angelegt?
Susanne Neuburger: Es gibt Motive, die sich wiederholen, Balkonszenen beispielsweise. Eine davon zeigt Karl Schranz am Balkon des Kanzleramts nach der Rückkehr von den Olympischen Spielen in Sapporo 1972, von denen er bekanntlich ausgeschlossen wurde – der Heldenplatz von der anderen Seite sozusagen. Natürlich haben wir auch ein Foto von der Unterzeichnung des Staatsvertrags. Doch zeigen wir die Szene, indem wir das Gerangel um das beste Foto dieses historischen Moments in den Vordergrund rücken.

Aktuell beschäftigen sich zahlreiche Ausstellungen mit dem Zeitraum 1918 bis 2018. Was unterscheidet die mumok-Schau von anderen?
Susanne Neuburger: Unser Ausgangspunkt ist die hauseigene Fotosammlung, in der sich unter anderem Ernst Haas’ „Heimkehrer-Bilder“, die „Staatsgrenze“ von Seiichi Furuya, Fotomontagen von Friedl Dicker-Brandeis befinden. Wichtig war uns die Untersuchung des fotografischen Bildes: Wie wird das Medium manipuliert? Wie wird es eingesetzt? Welche Wirkung hat es?

Wann begann die Fotografie in Österreich gesellschaftliche Schlagkraft zu entwickeln?
Monika Faber: In den 1950ern fand eine extreme Imagebildung statt. Österreich ist eine Nation und will dies – im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit – auch sein. Das wird einerseits durch das Herauskristallisieren einer Opferrolle bewerkstelligt, etwa indem wir „die Nettesten“ sind, wie in der Komödie „1. April 2000“ von 1952, andererseits durch die Vermittlung von Bildern einer unberührten Landschaft (in Zeiten des Wiederaufbaus), in der es keine Schuld, keinen Krieg, keine Kriegsschäden gibt. Diese Landschaft wird herausgekehrt als Ausdruck der Identifikation und zur Ankurbelung des Tourismus.
Susanne Neuburger: Dazu kommt das Geschichtsbild der Nachkriegszeit als Rückgriff auf ein harmloses habsburgisches Geschichtsbild mit Mozart im heimeligen Zentrum, während „Ständestaat“ und NS-Zeit verleugnet und die Opferrolle Österreichs hochgehalten wurden. Alben von den „Sissy“-Filmen veranschaulichen das beispielsweise.

Ab wann hielt die Fotografie als Medium hierzulande Einzug in die Politik?
Monika Faber: Als erster Politiker nützte Dollfuß die Medien für sich. Kaum steigt er aus dem Flugzeug aus, sind Kamera und Mikrophon dabei. Er dekretierte nach Ausschaltung des Parlaments 1933 die Ausstrahlung politischer Sendungen im österreichischen Rundfunk. Er ließ sich als Erster auf politischen Plakaten abbilden, bis dahin hatte es nur Schriftplakate gegeben. Zu sehen sind auch die offiziellen Propaganda-Alben von 1939/1940 mit den Bildern von Heinrich Hoffmann und dem offiziellen Text. Indem diese Bilder im gesamten „Großdeutschen Reich“ als offizielle Bilder dekretiert wurden, sind auch sie Teil der Geschichte Österreichs.

Artikel von Johanna Hofleitner:

Johanna Hofleitner lebt und arbeitet in Wien. Sie schreibt als freie Kunstkritikerin und -journalistin derzeit hauptsächlich für Die Presse.

Susanne Neuburger
Zur Person: Lebt und arbeitet in Wien.
Hintergrund: Studium der Kunstgeschichte und Romanistik in Wien und Florenz.
Highlights: „Wir Wegbereiter. Pioniere der Nachkriegsmoderne“ (mit Marie-Therese Hochwartner, 2016), „Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung“ (mit Barbara Rüdiger, 2017), „Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre“ (2017), „Photo/Politics/Austria“ (2018, mit Monika Faber).
Heute: Kuratorin und Sammlungsleiterin am mumok.

Monika Faber
Zur Person: Lebt und arbeitet in Wien.
Hintergrund: Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Wien. 1979 bis 1999 Kuratorin am mumok, danach Chefkuratorin der Fotosammlung der Albertina. Highlights Unzählige Fotoausstellungen.
Heute: Monika Faber ist Lehrbeauftragte an der Universität Wien und leitet seit 2011 das Photoinstitut Bonartes für historische Fotografie.



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