Kunststandort Wien

„Kunst braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Präsenz in Medien, in den Schulen und in Unternehmen.“

Foto: Martin Böhm, Brigitte Kowanz, Gernot Blümel und Rainer Nowak (v. li. n. re.) © BKA/Andy Wenzel

Sie kommen aus ganz verschiedenen Bereichen. Ihre Perspektiven auf Kunst und Kultur könnten unterschiedlicher kaum sein. Eine spannende Ausgangsposition für Fragen zum Status quo des Kunststandortes Wien, die Rainer Nowak an Künstlerin Brigitte Kowanz, Gernot Blümel, Minister für Kunst und Kultur, und Martin Böhm, Präsident des Art Cluster Vienna, richtet. Von Rainer Nowak

Wie gut ist der Kunststandort Wien?
Martin Böhm: Einerseits ist Wien – auch im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten – eine großartige Kunststadt mit zahlreichen herausragenden Institu­tionen für bildende Kunst. Auf der anderen Seite könnte sich Wien wesentlich stärker als Kunststadt positionieren: Weder nach außen noch nach innen sind wir uns der Bedeutung und der Kraft dieser Stadt bewusst. Deshalb auch die VIENNA ART WEEK, um den Kunststandort Wien zu stärken!
Brigitte Kowanz: Wien hat sehr viele Vorteile, besonders was die Lebensqualität betrifft. Noch leistbare Mieten und viel Raum machen Wien zu einer Stadt, in der man gut arbeiten kann. Außerdem gibt es wunderbare Museen, gute Ausstellungshäuser und zwei sehr gute Kunstuniversitäten, auch in der Galerienszene und bei den Jungen bewegt sich wieder etwas. Auf der Produzentenseite sieht es gut aus. Bei den Rezipienten, Sammlern, Sponsoren wird’s aber eng. Der Kunstmarkt ist hier eher mager, und nur wenige Künstler können davon leben. Wer arriviert ist, verkauft vorwiegend am internationalen Markt.
Gernot Blümel: Wien ist eine einzigartige Stadt. An wenigen Orten ist das kulturelle Erbe Österreichs so allgegenwärtig wie hier. Und es muss auch einen wesentlichen Stellenwert haben – insbesondere im heurigen Kulturerbejahr. Daher freue ich mich sehr, dass im Zuge unseres EU-Vorsitzes eine große Kulturerbejahr-Konferenz in Wien stattfinden wird. Mir geht es darum, kulturelles Erbe und Zukunftsentwicklung in Einklang zu bringen. Wir müssen heute schon an das kulturelle Erbe von morgen denken. Ich wünsche mir, dass Wien wieder Geschichte schreibt und nicht bloß von seiner großen Geschichte lebt.

Lebt Wien auch künstlerisch zu sehr von seiner Vergangenheit?
Martin Böhm: Nach außen hin vielleicht. Wien ist aber eine vitale Kunststadt mit einer lebendigen Szene. Die meisten Einrichtungen wie die großen Museen und Kunsthochschulen sind jedoch Bundesinstitutionen oder privat, wie die Künstlervereinigungen, Galerien und Alternative Spaces. Der Fokus der Stadt liegt eher auf der darstellenden Kunst und der Kultur. Ich finde es schade, dass die Museen der Stadt Wien kaum mehr Kunstausstellungen machen und die Kunst bei den Wiener Festwochen gestrichen wurde.
Gernot Blümel: Künstlerisch passiert in Wien sehr viel und ganz Großartiges. Der Kunststandort Wien hat das Potenzial, auch langfristig die Aufmerksamkeit der weltweiten Kunst- und Kulturszene zu halten – ein wesentlicher Standortfaktor. Eines meiner Ziele ist es daher, jungen österreichischen Kunstschaffenden international eine Plattform zu geben. Aktuell nutzen wir etwa den Vorsitz im Europäischen Rat, um unsere Kunst- und Kulturlandschaft in ihrer Bandbreite darzustellen. Das kulturelle Rahmenprogramm in Brüssel soll auch junge heimische Künstler international bekannter machen. Überhaupt halte ich den Fokus auf junge Kunst und Kultur für ganz wesentlich!
Brigitte Kowanz: In Wien gibt es eine aktive, lebendige Kunstszene, der Großteil des kulturellen Lebens – Theater, Musik, Architektur – spielt sich allerdings wirklich in der Vergangenheit ab.

Was fehlt der Kulturhauptstadt?
Martin Böhm: Aus meiner Sicht Selbstbewusstsein und Kommunikation nach innen und nach außen.
Brigitte Kowanz: Eine Dichte an Sammlern, Sponsoren, international agierende Galerien und Kuratoren. Ursula Krinzinger und Rosemarie Schwarzwälder haben in den vergangenen Jahrzehnten viel geleistet und positionieren österreichische Künstler international. Grundsätzlich sind aber nur wenige heimische Künstler regelmäßig auf der internationalen Bühne.

Was würden Sie sich für die Kulturmetropole Wien wünschen?
Gernot Blümel: Weitblick und Mut. Die große Herausforderung liegt darin, Wien als innovativen internationalen Kunst- und Kulturstandort langfristig zu verankern. Dazu muss der Blick in die Zukunft gerichtet werden. Was ist die Vision für die nächsten Jahre und Jahrzehnte? Bisher mangelte es der Kulturpolitik an Weitblick. Es braucht einen Zugang, der alle Aspekte einschließt: die Kunstschaffenden, die Orte der Präsentation, die Finanzierung – aber auch die kreativen Räume, in denen sich die Talente von morgen entfalten können.

Was brauchen wir mehr und warum: Künstler, Sammler, Galeristen, Museen?
Brigitte Kowanz: Es gibt sehr viele Künstler und in Relation dazu wenige Sammler und Galeristen. Es fehlt an Ausstellungsmöglichkeiten. Es braucht mehr mediale Berichterstattung über Kunst und mehr Selbstverständnis im Umgang damit in den Schulen. Wichtig wäre auch ein anderer Umgang mit Unternehmenskultur. Anderswo ist es für Unternehmen viel selbstverständlicher, mit Kunst zu arbeiten. Hier könnte man bessere gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen. In anderen Ländern werden Kunst und Kultur viel stärker privat gefördert – das fehlt in Österreich. Abgesehen davon braucht es deutlich mehr Kunst im öffentlichen Raum und im architektonischen Bereich. Die Stadt Wien macht da sehr wenig.
Martin Böhm: Sicher fehlen in Wien Sammler, große wie kleine. Wir versuchen im Rahmen der VIENNA ART WEEK, sämtliche relevante Partner des Wiener Kunstlebens zu integrieren und international zu zeigen, auf welch hohem Niveau in Wien Kunst produziert und gehandelt wird, um damit einen relevanten Beitrag für den Kunststandort Wien zu leisten.
Gernot Blümel: Wien soll wieder zu dem internationalen kulturellen Biotop werden, das es einmal war. Wien muss auch im Ausland stärker als modern und jung wahrgenommen werden. Ich halte es für wesentlich, die nachfolgenden Generatio­nen einzubeziehen. Und es braucht stärkeren Fokus auf das Potenzial der Zusammenarbeit. Die VIENNA ART WEEK ist ein Paradebeispiel dafür: Sie vernetzt Akteure der Kunst- und Kulturszene und trägt so viel zur Sichtbarkeit und Wertschätzung der Wiener Kunstszene bei.

Bräuchte Wiens Kultur nicht (einen neuen) Aktionismus?
Brigitte Kowanz: Nein. Sie braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Präsenz in Medien, in den Schulen und in Unternehmen.
Martin Böhm: Ja. Der Wiener Aktionismus hat in den 1960ern radikal mit dem damals vorherrschenden Kunstverständnis gebrochen. Solche künstlerischen Interventionen beleben die Gesellschaft und schärfen das Verständnis für gegenwärtige Prozesse. Von der Kunst gehen relevante Impulse aus.
Gernot Blümel: Bewegungen wie dem Wiener Aktionismus verdanken wir, dass die Kunst sich frei entfalten kann. Heute steht außer Frage, dass sich Kunst mit den Entwicklungen der Gesellschaft kritisch auseinandersetzt. Das zeitgenössische Kunstschaffen ist generell als Seismograf unserer Gesellschaft zu verstehen – daher glaube ich nicht, dass ein „neuer Wiener Aktionismus“ zwingend notwendig ist. Mir ist aber jede Art innovativer Kunst und Kultur willkommen.

Ihre künstlerische Lieblingsarbeit in Wien?
Brigitte Kowanz: Das ändert sich immer wieder. Zur Zeit habe ich große Freude an einer sehr großen Arbeit von mir im Foyer der neuen Post am Rochus.
Martin Böhm: Ein einzelnes Kunstwerk hervorzuheben würde vielen anderen Unrecht tun, außerdem hab ich einen eklektischen Geschmack.

Ihr künstlerischer Lieblingsort in Wien?
Gernot Blümel: Die Stadt als Kunstwerk. Für mich versprüht Wien ein unvergleichliches Flair, an dem Kunst und Kultur wesentlichen Anteil haben. Sie machen Wien zu einem lebendigen Ort der Vielfalt. Ständig entdecke ich etwas Neues: ein Gebäude oder eine Fassade, Musik, die ich so noch nicht gehört habe, oder Street Art, die zuvor noch nicht da war. All das und noch viel mehr macht die Stadt für mich zu „meinem Wien“, das ich so liebe.

Artikel von Rainer Nowak:

Rainer Nowak ist Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer der Tageszeitung Die Presse. Trat 1996 in deren Redaktion ein, die er seit 2012 leitet. 2005 Staatspreis für Geistige Landesverteidigung, 2013 Kurt-Vorhofer-Preis.

Gernot Blümel
Zur Person: Geboren 1981 in Wien.
Hintergrund: Magister der Philosophie und Master of Business Administration. Seit über zehn Jahren in der ÖVP politisch engagiert.
Highlights: Während seiner Zeit als ÖVP-Generalsekretär wurden mit „Evolution Volkspartei“ zum ersten Mal nach 20 Jahren ein neues Programm und ein neues Statut für die ÖVP geschaffen. Und: der Wahlsieg der Volkspartei am 15. Oktober 2018.
Heute: Bundesminister für EU, Kunst, Kultur und Medien sowie Landesparteiobmann der ÖVP Wien.

Martin Böhm:
Zur Person: Geboren in Bregenz.
Hintergrund: Studium der Betriebswirtschaftslehre in Wien. Heute: Geschäftsführender Gesellschafter DOROTHEUM seit 2002, Präsident des Art Cluster Vienna, dessen gemeinsames Projekt, die VIENNA ART WEEK, heuer bereits zum 14. Mal stattfindet, und Präsident der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde.

Brigitte Kowanz
Zur Person: Geboren 1957 in Wien. Lebt und arbeitet in Wien.
Hintergrund: 1975 bis 1980 Studium an der Hochschule für angewandte Kunst Wien, wo sie seit 1997 die Professur für Transmediale Kunst innehat. Im Zentrum der Arbeit von Brigitte Kowanz steht seit den 1980er-Jahren die Untersuchung von Raum und Licht.
Highlights: Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellung im In- und Ausland, u. a. Auckland Art Gallery (2014), Museum of Contemporary Art, Sydney (2013), Hayward Gallery, London (2013), MACRO, Rom (2012), mumok, Wien (2010), ZKM Karlsruhe (2006). 2017 Vertreterin Österreichs bei der 57. Biennale in Venedig. 2009 Großer Österreichischer Staatspreis. www.kowanz.com



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection