Kunstgeschichte passiert

Schwellenangst ist ein vertrautes Problem. Die VIENNA ART WEEK bietet die Chance, Brücken zu bauen.

Foto: David Teniers d. J. (1610-1690), Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Gemäldegalerie, um 1650 © KHM-Museumsverband

An grundsätzlicher Offenheit mangelt es nicht. Dennoch stehen einander Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst nicht selten distanziert gegenüber. Die VIENNA ART WEEK bietet mit ihren Programmpartnern die Chance, Brücken zu bauen – und das, was sich in Ateliers, Kunsträumen und Galerien tut, in die Gesellschaft zu tragen.

„Kommt ein Kunsthistoriker in ein Künstleratelier …“ Nein, der Satz ist nicht der Anfang eines Witzes. Doch das Zusammenspiel von lebenden Künstlern und dem Feld der Kunstgeschichte ist nicht selten von Barrieren verstellt, die man wahlweise witzig oder traurig finden kann. Einerseits dürstet der zeitgenössische Kunstbetrieb nach der Einordnung in historische Genealogien, gilt die Beschäftigung von Kunsthistorikern mit einem aktuellen Werk mitunter als Ritterschlag. Zugleich ist das Lehrangebot an kunsthistorischen Instituten nicht unbedingt auf die zeitgenössische Kunstpraxis ausgerichtet.

„Die Studierenden bekommen zu wenige Werkzeuge für zeitgenössische Kunst in die Hand“, befindet Hans Knoll, Veteran der Galerienszene und Präsident des Verbandes österreichischer Galerien moderner Kunst. Immer wieder hat er die Erfahrung gemacht, dass Abgänger kunsthistorischer Institute mangelhaft auf den Betrieb vorbereitet sind.

Blickt man auf die Tradition der Kunstgeschichte in Wien, fragt man sich allerdings, woher diese Distanz kommt – und ob sie nicht zu einem gewissen Grad Vorurteilen geschuldet ist. Hans Tietze (1880–1954) etwa, einer der elementaren Weichensteller der heimischen Museumslandschaft und Autor des Standardwerks „Lebendige Kunstwissenschaft“, stand stets lebenden Künstlern nahe. Das beweist nicht zuletzt das Doppelporträt, das Oskar Kokoschka 1909 von ihm und seiner Frau Erica Tietze-Conrat anfertigte. Mit Werner Hofmann (1928–2013) wurde 1962 ein brillanter Kunsthistoriker und zugleich Fackelträger der Moderne zum Gründungsdirektor des Museums des 20. Jahrhunderts (heute mumok) berufen – ihm ist maßgeblich zu verdanken, dass Wien mit seinen musealen Sammlungen spät, aber doch zum Kanon der Moderne aufschließen konnte. Auch Artur Rosenauer, heute emeritierter Ordinarius des Wiener Instituts für Kunstgeschichte und Experte unter anderem für italienische Renaissance-Malerei, stand stets mit Künstlern seiner Zeit, allen voran Josef Mikl, in Kontakt. Und 1989, lange vor den aktuellen Programmen des Kunsthistorischen Museum (KHM) auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst, lud Wolfgang Prohaska, damals Kustos der Gemäldegalerie, Franz West zu einer Intervention in den Hallen des Museums ein.

An grundsätzlicher Offenheit mangelt es also nicht. Doch Studierende sehen sich heute gleichermaßen mit Institutionen wie Diskursen konfrontiert, deren unterschiedliche Zugangsregeln schwer zu überblicken und noch schwieriger zu „knacken“ sind. „Erfreulich ist, dass viele neue Möglichkeiten für Studierende und Abgänger geschaffen wurden“, sagt Hans Knoll, der auch Lehrbeauftragter am Institut für Kulturmanagement der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ist. „Es gibt heute mehr Institutionen und mehr Firmen, die sich mit Kunst beschäftigen, dazu mehr private Museen und Veranstaltungen, bei denen bildende Kunst Thema ist.“ In seiner Lehrtätigkeit merke er aber, dass Studierende etwa die Spezifika von Museen, Kunsthallen, Galerien und Biennalen nicht kennen. „Es ist bedauerlich, wenn die Leute dafür ein Post-Graduate-Studium absolvieren müssen.“

Die VIENNA ART WEEK bietet die Chance, hier Brücken zu bauen, etwa am Open Studio Day oder durch ihre Programmpartner, die Kunsträume, Galerien und Ateliers dem Publikum öffnen. Denn auch deren Besucher bringen nicht unbedingt lückenloses Wissen und Fachkenntnis mit, Schwellenangst ist ein vertrautes Problem. „Unser Wunsch ist aber, dass das, was wir tun, in die Gesellschaft hineingetragen wird“, so Knoll. In diesem Sinn könnte die VIENNA ART WEEK zum Startpunkt einer gemeinsamen Entdeckungsreise werden: für das Publikum, für Studierende, auch für Galeristen und Kunstschaffende selbst. Mittelfristig hofft Knoll, „dass daraus Beziehungen entstehen“. Vom Zusammenspiel von Praxis und Reflexion kann eine Szene nur profitieren.

Artikel von Michael Huber:

Michael Huber, geboren 1976, ist seit 2009 Kunstkritiker der Tageszeitung Kurier. Er studierte Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte in Wien und New York (NYU) sowie Kulturjournalismus an der Columbia University, New York.



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection