Joint Effort

„Mir gefällt der Gedanke, dass die Wissenschaft Poesie in sich birgt. Die Wissenschaft will grundlegende Fragen beantworten.“

Foto: Jose Dávila, Joint Effort, 2017 © Jose Dávila, Foto: Agustin Arce

Im November 2018 präsentiert die Wiener Kuratorin Marlies Wirth (MAK) im Ausstellungsraum FRANZ JOSEFS KAI 3 die erste Einzelschau des mexikanischen Künstlers Jose Dávila in Österreich – ein willkommener Anlass, den Künstler zum Gespräch zu bitten.

Das „Paradies“ wird gemeinhin als Ort immerwährender Harmonie imaginiert, als Welt im Idealzustand vor dem „Sündenfall“. Dieser äußert sich heute in Konsumkultur, Klimawandel und folgenreichen Störungen unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Man könnte sagen, der Mensch habe die Welt aus freien Stücken aus dem Gleichgewicht gebracht; nun bedarf es unser aller ständiger Kraftanstrengung, um die fragile Balance unserer Gesellschaften zu wahren.

Sie sind von der Architektur zur Kunst gekommen. In Ihren Arbeiten spielen die Gegenkräfte unterschiedlicher Materialien und das Gleichgewicht eine wesentliche Rolle. Geht es darum, Ordnung ins Chaos zu bringen? Nach welchen Kriterien wählen Sie Material und Form?
Jose Dávila:** Meine Vergangenheit als Architekt ist eine rein akademische; ich habe nur kurze Zeit in diesem Bereich gearbeitet. Die Materialien suche ich nach ihrem symbolischen Gehalt aus. Wofür stehen sie? Verkörpern sie Ursprünglichkeit oder Modernität? Oft handelt es sich um Elemente von Baumaterial, das leicht verfügbar ist. Diese Elemente verwandeln sich entlang ihrer Funktion in Kunst, sowohl physisch als auch räumlich.

Eine Ihrer Arbeiten heißt „Newton’s fault“, „Newtons Schuld“, und spielt auf Sir Isaac Newtons Gravitationsgesetz an. Könnten Sie erklären, welche Idee dahintersteckt und welche Rolle das Eingreifen des Menschen in die Gesetze der Physik in Ihren Arbeiten spielt?
Jose Dávila: Mir gefällt der Gedanke, dass die Wissenschaft Poesie in sich birgt. Die Wissenschaft will grundlegende Fragen beantworten. Zwischen all den technischen Aspekten der Wissenschaft gibt es Momente der poetischen Aufhebung, in der Theorie und im wissenschaftlichen Schreiben. Für mich umfasst diese Arbeit viele meiner Interessen, etwa die verlorene Unschuld, die Notwendigkeit, Kräfte zu erklären, die auf uns wirken, wie zum Beispiel die Schwerkraft, die allem seine Form verleiht. So spielt natürlich der Apfel in der Arbeit mit der Symbolik eines Moments der Offenbarung, einer Schnittstelle zur Erkenntnis.

Im programmatischen Text zum Motto der VIENNA ART WEEK wird der Ästhetizist Edward Burne-Jones mit den Worten zitiert: „Ein Bild ist für mich ein schöner, romantischer Traum von etwas, das nie war und nie sein wird, in einem Licht, das besser scheint, als je ein Licht geschienen hat, in einem Land, das man nicht bestimmen oder erinnern kann, sondern nur ersehnen.“
Ohne ein Bezugsystem kann kein „Paradies“ existieren; es ist bloß ein undefinierbarer Nicht-Ort, der nur von außen wahrnehmbar und von vagem Realitätsgehalt ist, eine Utopie seiner Zeit. Sehen Sie hier einen Zusammenhang zur aktuellen sozioökonomischen und politischen Lage in Mexiko, den Vereinigten Staaten und in Europa? Wie kann Kunst Ihrer Meinung nach zum gesellschaftlichen Gleichgewicht beitragen?

Jose Dávila: Ich glaube, dass Kunst den Geist herausfordern muss. Nur durch das Staunen können wir nach neuen Welten und Wirklichkeiten streben, die in einem besseren Licht erscheinen, „als je ein Licht geschienen hat“.

Artikel von Marlies Wirth:

Marlies Wirth ist Kuratorin am MAK Wien, wo sie maßgeblich in die Konzeption der VIENNA BIENNALE eingebunden ist. Sie entwickelt auch unabhängige Ausstellungsprojekte mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern.

Jose Dávila
Zur Person: Geboren 1974 in Guadalajara, Mexiko, lebt und arbeitet ebendort.
Hintergrund: Studierte Architektur in Guadalajara, Mexiko, betrachtet sich jedoch als autodidaktischer Künstler mit einer intuitiven Ausbildung.
Highlights: Internationale Einzelausstellungen, u. a. „Newton’s Fault“, Galerie König, Berlin (2018), „Die Feder und der Elefant“, Hamburger Kunsthalle (2017), „The Elephant and The Feather“, Marfa Contemporary, Marfa/US (2016), „A Line Written on Every Corner“, Galleri Nicolai Wallner, Kopenhagen (2015), „The Theory of the Additional Element“, Intervention to Los Carpinteros’ Studio, 12th La Havana Biennial, Kuba (2015). Dávilas Arbeiten waren Teil der Getty Pacific Standard Time LA/LA Triennale (2017) und wurden in Museen weltweit präsentiert, u. a. MUAC, Mexico City, MoMA PS1, New York, Museo de Arte Reina Sofia, Madrid, MAK Wien, Fundación/Colección JUMEX, Mexico City, Museu do Arte Moderna, São Paulo, und NICC, Antwerpen. 2017 wurde Jose Dávila mit dem Baltic Artists’ Award ausgezeichnet.
Heute: Freischaffender Künstler. josedavila.mx



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection