Grenzüberschreitungen

„Was uns ausmacht, ist das tolle Engagement der hier Gestaltenden.“

Foto: Matthias Bildstein (li.) und Matthias Krinzinger (re.) © Marlene Rahmann

Auf Non-Profit-Basis geführte private Kunsträume finden sich in Wien überall, auch in teuren Lagen. Ebenso divers wie die Locations sind ihre Programme und Zielsetzungen. Zu drei Alternative Spaces führt eine Guided Tour im Rahmen der VIENNA ART WEEK. Hier werden sie vorab vor den Vorhang gebeten.

Der Exklusive
Nicht nur für Architekturfans ist der Neue Kunstverein Wien (NKW) wegen seiner prominenten Adresse in der Herrengasse 6–8 ein absolutes Muss: Das erste Hochhaus Wiens verströmt heute wie in den 1930er-Jahren New Yorker Lebensgefühl in der Wiener City. Standesgemäß wacht ein Concierge darüber, dass nicht zu viele Touristen auf das Dachgeschoß gelangen, um kostenlos einen atemberaubenden Blick über die Wiener Innenstadt zu erhaschen.

Seit 2012 bespielt der NKW wechselnde Räumlichkeiten der wertvollen Immobilie, vom Untergeschoß bis zur Aussichtsterrasse im 13. Stock; fallweise werden extern größere Ausstellungsräume angemietet. „Unser Ziel ist es, die zentrale und historische Lage des NKW zu nutzen, eine freie Zone des Austauschs und der Präsentation von zeitgenössischer Kunst zu bieten, wobei viele unserer Projekte direkt auf das architektonische Umfeld reagieren“, erklärt Leiterin Katarzyna Uszynska. So waren unter der Agenda wechselnder Kuratorinnen und Kuratoren unter anderem Andreas Fogarasi, William Forsythe, Toni Schmale, Ellen Cantor und Shirin Neshat, aber auch Künstlergruppierungen aus dem osteuropäischen und skandinavischen Raum mit ihren Arbeiten zu Gast im NKW. Wie die Miete in dieser exklusiven Lage gestemmt wird? „Da unterstützt uns vorbildlich das Hochhaus Herrengasse, und beim Programm stehen uns private Sponsoren und die Subvention seitens des BKA zur Seite“, sagt Uszynska.

Der Klassische
Ein bereits saniertes ehemaliges Werkstattgebäude im Hinterhof des Gründerzeithauses Zentagasse 38 in Margareten wurde von Künstlerin Barbara Höller und Architekt Konrad Rautter in ein Ateliergebäude samt kunstspartenübergreifend genutztem Showroom umgewandelt. Der sehsaal ist ein klassischer Artist-Run-Space, wie solche Initiativen mit räumlicher Verschränkung von Produktion und Forum bezeichnet werden. Der Vereinstitel „sehsaal. Verein zur Förderung experimenteller Raumkunst“ stammt noch aus der Gründungszeit, den frühen 1990er-Jahren, im ehemaligen Atelier von Höller/Rautter in der Luftbadgasse im 6. Wiener Bezirk. Dennoch ist er auch heute noch Programm: „Der sehsaal punktet mit herausragenden raumbezogenen künstlerischen Interventionen wie zuletzt jener von Anna Maria Bogner oder von Carlo Galli. Wir versuchen, mit unseren Veranstaltungen die Schnittstellen zwischen bildender Kunst, Architektur und Bewegung auszuloten“, so Höller. Dazu erweiterte sich das Programm im sehsaal seit 2016 um die diskursive Reihe „pur“ sowie um Film, Musik und Tanz unter anderem in Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die Verschränkung von Innen und Außen, mit dem öffentlichen Raum und den kulturellen Agenden des umtriebigen 5. Bezirks sind dabei zentrale Anliegen. Das Publikum ist mittleren Alters, so wie seine Betreiber. Dass viele dem sehsaal seit seiner Gründung die Treue halten, spricht für die Qualität des Gebotenen.

Der Coole
Unweit der U3-Station Gasometer belebt PFERD, Forum zur Förderung zeitgenössischer Kunst, die Peripherie. Die Gentrifizierung von urbanen „Unorten“ durch die Besiedelung mit Kunst ist ein international zu beobachtendes Phänomen. Auf die Umgebung der aufwendig revitalisierten ehemaligen Gasbehälter Wiens trifft dieser Begriff freilich nicht mehr zu. Der von Sichtbeton dominierte Innenbau des von der Wien Holding betriebenen Studentenheims base 11, den PFERD über Vermittlung des Alumni-Vereins der Angewandten für seine besonders junges Publikum ansprechenden Events nutzt, war bereits vorhanden. Dennoch fehlten dem großzügig dimensionierten Gebäude Identität und Leben. Rund zehn Mal im Jahr werden seit der Eröffnungsausstellung 2015 „Ich glaub mich tritt eine Kunstraum“ Aula und weitere Räumlichkeiten bis hin zu einzelnen Zimmern mit temporären Produktions- und Veranstaltungsformaten junger Kunstschaffender und Kuratoren bespielt. Die Arbeiten von vorwiegend „emerging artists“ werden im coolen Beton-Ambiente wirkungsvoll in Szene gesetzt. „Was uns ausmacht, ist das tolle Engagement der hier Gestaltenden. Wir sind bis jetzt ohne Förderungen ausgekommen, und so gilt das Prinzip ,Jeder hilft jedem!‘“, erklären die PFERD-Initiatoren Matthias Bildstein und Matthias Krinzinger auch im Namen von Leander Schönweger, dem Dritten im Gründungsteam. Special Features von PFERD: Open Studio Bar, Tischtennisturnier, Bogenschießen, Schatzsuche und Filmscreenings.

Resümee: Da reine Ausstellungstätigkeit auch in arrivierten Kunstinstitutionen längst niemanden mehr von der Couch lockt, wird auch in Wiens Alternative Spaces vermehrt auf grenzüberschreitende Programme gesetzt. Hippe Locations in interessanten urbanen Lagen sind dabei kein Nachteil.

Artikel von Maria Christine Holter:

Maria Christine Holter ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Programmgestalterin für Gegenwartskunst in Wien. Zudem berät sie Unternehmen in Sachen Kunst und ist Autorin zahlreicher einschlägiger Publikationen. www.mariaholter.at



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