Glaubhafter Dialog

„Es liegt nahe, hier Fragen über Leben, Tod, Flucht, Inklusion und Exklusion zu stellen.“

Johanna Schwanberg © Carolina Frank

Seit einem Jahr ist Wien um einen fortschrittlichen Ausstellungsort reicher: Im architektonisch wie konzeptuell transformierten Dom Museum Wien begegnen einander historische Sakralschätze, Avantgardekunst der Sammlung von Monsignore Otto Mauer und zeitgenössischer Diskurs auf Augenhöhe. Das Museum lebt intelligente Toleranz vor und zeigt auf, wie inspirierend der Dialog über Jahrhunderte und Kulturen hinweg sein kann. Ein Gespräch mit Museumsleiterin Johanna Schwanberg.

Was hat die Neupositionierung des Dom Museum Wien bewirkt?
Johanna Schwanberg: Eine erfolgreiche Durchmischung ganz unterschiedlicher Besuchergruppen. Wer sich für historische Schätze interessiert, wird zwangsläufig auch mit Gegenwartskunst konfrontiert. Und ein moderneres Publikum, das sonst niemals in ein Dommuseum gehen würde, entdeckt, wie sehr auch Monstranzen begeistern können. Durch die Location im Herzen der Stadt und die Vielfältigkeit der Bestände haben wir uns ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Wir können eine Plattform für aktuelle interreligiöse und interkulturelle Diskurse sein, denn es liegt nahe, hier Fragen über Leben, Tod, Flucht, Inklusion und Exklusion zu stellen. Das passt gut zur Gegenwartskunst, aber auch zur Institution Kirche.

Wie bedeutsam ist die radikale architektonische Neugestaltung?
Johanna Schwanberg: Räume prägen das Besuchererlebnis. Durch die coole Architektur wird ein neuer Erfahrungsraum aufgemacht. Besonders wichtig sind dabei auch die Blickachsen zum Stephansdom, die den Echoraum des Christentums ins Museum holen.

Sie möchten den Dialog zwischen Kunst, Kirche und Gesellschaft stärken.
Johanna Schwanberg: Wir möchten Diskussionsräume öffnen und nutzen Kunst als Ausgangspunkt für Prozesse – beispielsweise, indem wir den Blick auf orientalische Objekte in christlicher Zweitverwendung lenken. Diesbezüglich gab es bereits auch spannende Projekte in Kooperation mit dem Sacré Coeur und dem Islamischen Realgymnasium Wien.

Kooperation schreiben Sie ja generell groß.
Johanna Schwanberg: Das Gefühl, dass man einander ergänzen und unterstützen kann, nimmt in Wien immer mehr zu. Da verschränken sich oft gesellschaftspolitische wie religiöse Interessen.

Auch in Ihrer Person vereinen sich das Interesse für Vergangenheit und jenes an der Gegenwart.
Johanna Schwanberg: Schon als Kind fand ich einen Paul Troger im Barockmuseum ebenso toll wie Arbeiten auf der Biennale. Ich habe nie verstanden, wie man sich nur für das eine interessieren kann. Im Grunde sind es die gleichen Dinge, die Künstler beschäftigt haben, sie verwenden nur andere Sprachen.

Auch die Themenausstellungen des Dom Museum Wien behandeln eine Fragestellung über Epochen hinweg. Die zweite Sonderausstellung nach der Neukonzeption widmet sich der „Verwundbarkeit“.
Johanna Schwanberg: Die Leidensgeschichte Jesu ist hier ganz zentral, weil sie zeigt, dass Verwundung ein Thema ist, das Menschen auch stärker machen kann. Viel Schaden in der Welt wird verursacht, weil sich viele – vornehmend männliche – Machthaber ihre Verwundbarkeit nicht zugestehen. Insofern ist es ein zeitloses, aber auch hochaktuelles Thema.

Was assoziieren Sie mit dem auch stark katholisch konnotierten Begriff „Paradies“?
Johanna Schwanberg: Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies kommen Schmerz, Leid und Tod in die Welt. Darstellungen paradiesischer Zustände finden sich überraschenderweise gar nicht so zahlreich in unseren Beständen. Das 20. Jahrhundert hat vermehrt das Leid in die Kunst geholt, denn manchmal scheint es leichter, die Reibung darzustellen, als die Schönheit. Die Frage ist aber, wohin ich meinen Blick richte. Etwas Paradiesisches entdecke ich etwa in der Liebesbeziehung zwischen Mutter und Sohn bei unseren Madonnen. In der Sammlung Otto Mauers entwickelt sich ein paradiesisches Moment schon aufgrund der Sinnlichkeit der Farben.

Artikel von Paula Watzl:

Paula Watzl ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Kunstmagazins PARNASS. Als freie Autorin publiziert sie unter anderem im „Schaufenster“ der Tageszeitung Die Presse.

Johanna Schwanberg
Zur Person: Geboren 1966 in Wien, Österreich. Mutter zweier Kinder, lebt in Wien.
Hintergrund: Kunst- und Literaturwissenschaft­lerin. Langjährige universitäre Tätigkeit, Mitwirkung an Forschungsprojekten sowie Tätigkeit als Ausstellungskuratorin. Zahlreiche Veröffentlichungen als Kunst- und Literatur­kritikerin für PARNASS, das „Spectrum“ der Presse, das Feuilleton der Wochenzeitung Die Furche sowie die Ö1-Serie „Gedanken für den Tag“.
Highlights: Eröffnung des Dom Museum Wien (Publikation: „Dom Museum Wien. Kunst, Kirche, Gesellschaft“, Berlin 2017).
Heute**: Direktorin des Dom Museum Wien, Lehrbeauftragte an der Universität für angewandte Kunst, Radiogestalterin, Vorstandsmitglied des Otto Mauer Fonds.



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection