Gespiegelter Himmel

Häufig sind es Sehnsuchtsorte oder einzigartige Lichtstimmungen, die den Maler faszinieren.

Foto: Claude Monet, Das Parlament, Spiegelungen auf der Themse, 1905

Im Herbst zeigt die Albertina die erste Retrospektive von Claude Monet seit über 20 Jahren in Österreich. Mit fast 100 Gemälden spannt die Ausstellung den Bogen von Monets ersten vorimpressionistischen Werken bis hin zu seinen letzten farb­gewaltigen Gemälden, die im Garten in Giverny entstanden sind.

Am Anfang stehen die Straßen von Paris und das Meer. Claude Monet wird in der französischen Hauptstadt geboren, wächst jedoch in Le Havre auf, wo er bereits in jugendlichen Jahren als Karikaturist bekannt ist. Für sein Studium kehrt er zurück nach Paris. Die Entscheidung, sein Leben der Kunst zu widmen, ist gefallen, auch wenn finanzielle Nöte und Existenzängste Monets Karriere prägen werden. Das früheste Werk, das die umfassende Retrospektive der Albertina zeigt, entsteht 1866, „La Rue de La Bavolle, à Honfleur“. Claude Monet ist 26 Jahre alt und hat gerade das Malen en plein air für sich entdeckt. Zu sehen ist eine idyllische Straßenszenerie, über dem Fluchtpunkt der blitzblaue Himmel mit weißen Wolken, unten die gepflasterte Straße; ein starker Schatten teilt das Gemälde in der Mitte des Weges. Claude Monet gibt sich nicht damit zufrieden, den Vorfahren und der Malereitradition nachzueifern, er kehrt ihnen in einem Akt der Emanzipation den Rücken, tritt auf den Balkon des Louvre an die frische Luft hinaus und malt 1867 „Quai de Louvre“, eine urbane Szene, das moderne Stadtleben.

Drei Themenkreise bilden die Kristalli­sationspunkte der von Heinz Widauer und Gunhild Bauer kuratierten Retrospektive mit 95 Gemälden: Monets Auseinandersetzung mit seinem urbanen Umfeld in Paris ist für das Frühwerk typisch; später wendet er sich der Natur, dem Wasser der Seine und dem Meer zu. Häufig sind es Sehnsuchtsorte wie Klippenlandschaften, Wolken- und Nebelfelder oder einzigartige Lichtstimmungen, die den Maler faszinieren und ihn immer wieder die gleichen Orte aufsuchen lassen. Im Spätwerk widmet er sich ausschließlich seinem Garten in Giverny.

Die Albertina knüpft mit der großen monografischen Schau zu Claude Monet an Präsentationen zu Impressionismus und Postimpressionismus an. Das Museum verfügt mit der Sammlung Batliner über drei bedeutende Gemälde Monets: „Blick auf Vétheuil“ (1881), „Der Seerosenteich“ (1917–1919) sowie „Das Haus in den Rosen“ (1925). Ergänzt werden sie durch Leihgaben aus internationalen renommierten Sammlungen.

1870 flüchtet Monet kurz nach der Hochzeit mit Camille Doncieux vor der Einberufung in die Armee. Das Paar kommt in London unter, wo Monet die Landschaftsmalerei von William Turner und John Constable beeindruckt. Nach der Rückkehr 1871 zieht er mit seiner Familie aufs Land und richtet sich in einem Boot auf der Seine sein Atelier ein.

1874 stellt Monet in Nadars Atelier bei der berühmten Gruppenausstellung das Gemälde „Impression: Sonnenaufgang“ aus, das später der gesamten Stilrichtung ihren Namen geben wird. In den 1880er-Jahren wendet er sich der Natur zu und bleibt anders als die meisten Zeitgenossen der Augenblicksmalerei treu. Es ist immer das Wasser, das ihn fasziniert; er malt am Meer, an der Steilküste der Normandie und an den Ufern der Seine. Die Wasseroberflächen seiner Bilder reflektieren die leuchtenden Farben üppiger Vegetation im Sommer und den geheimnisvoll grau und blau gefrierenden Dunst seiner Landschaften im Winter. 1883 mietet Claude Monet ein Haus in Giverny, das er später, als er es endlich zu Wohlstand bringt, kaufen kann und wo er seinen Garten mit der weltberühmten Japanischen Brücke anlegt.

In den 1890ern beginnt Monet, in Serie zu malen. Die Motive bleiben, doch die Blickwinkel, das Licht, die Jahreszeiten ändern sich. Ob Heuhaufen, Fassaden von Kathedralen, Brücken oder das Parlamentsgebäude in London: Nicht die Topografie ist das eigentliche Motiv, sondern die jeweilige Licht- und Farbgebung. Sie gestaltet er intensiv und wählt sie unabhängig von der Beobachtung der Realität. Die Fassade der Kathedrale von Rouen zeigt sich zweifellos nicht in jenen intensiven, farblich überhöhten Tönen, wie uns Monet mit seiner Serie glauben machen möchte; die Brücken und das Parlament in London sind wohl nicht in dem Ausmaß von einem Nebel-, Dunst- oder Dämmerungsschleier verhangen, wie uns Monet dies vorführt. Selbst in den Bildern der berühmten Heuhaufen-Serie schillert und schimmert eine Farbigkeit, die Monet bewusst zur Ausdruckssteigerung einsetzt.

Bedeutende Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen beleuchten in der Retrospektive der Albertina Monets Werdegang vom Realismus über den Impressionismus hin zu einer Malweise, bei der sich die Farben und das Licht allmählich vom Gegenstand lösen und das Motiv von der Naturbeobachtung unabhängig wird. Im späteren Werk des Künstlers verselbstständigt sich der Strich zunehmend, die Empfindung rückt vor dem Motiv in den Vordergrund. Mit seinem Spätwerk bereitet Monet schließlich der Malerei des abstrakten Expressionismus den Boden.

Artikel von Klaus Albrecht Schröder:

Klaus Albrecht Schröder ist Generaldirektor der Albertina, er leitet das Haus seit 1999.



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