Geplanter Zufall

Hermann Nitsch © Carolina Frank

Hermann Nitsch feierte jüngst seinen 80. Geburtstag. Dessen ungeachtet plant er das nächste Sechstagespiel – ein unvollendbares Fest zwischen akkurater Planung und Regie des Zufalls, das alle Teilnehmenden verändert. Vielleicht, so Nitsch, schmeckt auch der Wein danach besser.

Sie sind bereits intensiv mit den Vorbereitungen für das nächste Sechstagespiel beschäftigt. Wann wird es stattfinden?
Hermann Nitsch: Voraussichtlich in zwei Jahren.

Vor Jahrzehnten haben Sie schon eine 1.500-seitige Partitur für das Sechstage­spiel konzipiert, eine sechs Tage und sechs Nächte dauernde Aktion Ihres Orgien Mysterien Theaters, an der Dutzende Akteure mitwirken. Wie entwickeln Sie es von einer Aufführung zur nächsten?
Hermann Nitsch: Alles, was ich je gemacht habe – inklusive des Sechstagespiels –, ist ein „work in progress“. Für mich waren alles Vorstudien zum großen Sechstagespiel, das ich 1998 einmal aufführen konnte. Ich war damals nicht fertig. Es wird auch bei dieser Aufführung nicht fertig sein.

Was soll das nächste Mal besser werden?
Hermann Nitsch: Ich werde versuchen, alles zu intensivieren.

Kann man das, was Sie machen, noch intensivieren? Die Teilnahme ist für alle sehr fordernd!
Hermann Nitsch: Unbedingt! Jede Aufführung ist irgendwie anders. Die Musik wird zum Beispiel entscheidend sein. Sie war immer sehr wichtig, aber ich glaube, dass sie sich jetzt noch mehr herauskristallisiert.

Ihre Partitur entspricht einer Beschreibung des Sechstagespiels. Sie proben mit ihren Akteuren einen rigiden Ablauf. Welche Rolle kann der Zufall bei der Aktion überhaupt noch spielen?
Hermann Nitsch: John Cage hat mich sehr beeinflusst, weil er in seiner Musik dem Zufall eine große Berechtigung gab. Meine Arbeit ist ein Ausnutzen und Benutzen des Zufalls. Daher sind meine Partituren so gebaut, dass sich immer Zufälle ereignen können.

Was proben Sie dann?
Hermann Nitsch: Wir proben alle Positio­nen. Blut und Fleisch oder auch die Ge­därme werden erst bei der Aufführung eingesetzt.

Im Zentrum Ihres Denkens stehen das Kultische und das Bacchanalische, versinnbildlicht durch Dionysos. Wie drückt sich das in Ihrer Arbeit aus?
Hermann Nitsch: Mir geht es um den psychologischen Begriff des Dionysischen, um die orgiastische Triebaufwallung. Das Sinnliche und das Geistige stehen nicht im Widerspruch zueinander. Das ist mir ganz wichtig.

Tod und Leben sind in Ihrer Kunst sehr präsent. Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis dazu?
Hermann Nitsch: Den Tod muss man miteinbeziehen. Ich glaube, dass alles immer wiederkehrt. Mein Lebensbejahen ist eine kosmische Bejahung, die das Leid, das Vergehen einschließt – das Dionysische ist ja auch bis zu einem gewissen Grad beides gleichzeitig.

Welche Intention verfolgen Sie mit dem Sechstagespiel?
Hermann Nitsch: Nach sechs Tagen, am Sonntag, werden alle ins Leben entlassen. Da sollen sie das, was sie in dieser intensiven Woche gelernt haben, aufs Leben übertragen. Vielleicht schmeckt auch das Glas Wein nachher besser.

Sie stehen bei Ihren Malaktionen in Massen von Blut und Farbe, weshalb sich die ganze Leinwand damit vollsaugt. Blut, Farbe und Leinwand gehen eine körperliche Verbindung miteinander ein. Sehen Sie sich überhaupt als Maler?
Hermann Nitsch: Es ist nicht ein Arbeiten auf der Leinwand im Sinne der klassischen Malerei, sondern die Tücher und Gewänder werden befleckt, durch theatralische Handlungen bewegt.

In der Nitsch Foundation und im Nitsch Museum in Mistelbach sieht man, dass Sie eine sehr dichte Hängung bevorzugen. Warum?
Hermann Nitsch: Es geht darum, den Raum auszunutzen!

Artikel von Alexandra Matzner:

Alexandra Matzner ist Kunsthistorikerin, Gründerin und Chefredakteurin des eKunstmagazins ARTinWORDS. Sie publiziert vornehmlich zu Malerei und Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts.

Hermann Nitsch
Zur Person: Geboren 1938 in Wien, Österreich. Lebt und arbeitet in Prinzendorf an der Zaya.
Hintergrund: Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, Wien; bedeutender Vertreter des Wiener Aktionismus; ab 1956 erste Malaktionen und Entwicklung der Idee des Orgien Mysterien Theaters (OMT), in dem sich alle seine künstlerischen Bestrebungen sammeln.
Highlights: Teilnahme an der documenta 5 und 7 in Kassel; 1998 Sechstagespiel, Prinzendorf; 2005 122. aktion im Burgtheater, Wien; 2006 „Retrospektive“ Martin-Gropius-Bau, Berlin; 2007 Eröffnung des Nitsch Museum, Mistelbach; 2008 Eröffnung des Museo Nitsch, Neapel; 2009 Gründung der Nitsch Foundation, Wien; 2011 „Hermann Nitsch – Strukturen“, Leopold Museum, Wien; 2012 Teilnahme an der Biennale in Kuba; 2015 „das o.m. theater“, ZAC Palermo; 2016 Aktion und Ausstellung in der Villa Stuck, München; 2017 150. aktion im Rahmen des Dark Mofo Festival, Tasmanien (Australien).
Heute: Maler und Aktionskünstler.



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