Denklabor Atelier

Das Atelier ist virulenter Ort für jene, die neugierig an der Ideenquelle lauern.

Johannes Vermeer van Delft (1632–1675), Die Malkunst, um 1666/1668 © KHM-Museumsverband

Auch im Zeitalter der Medientechnologie bleibt das Atelier zentraler Ort der künstlerischen Produktion. Ein Besuch gibt die Möglichkeit, Denkräume zu erkunden und Protagonisten zu befragen, wie sich Gedankenreisen heute manifestieren – ob auf Leinwand oder auf dem Computer.

Die neue Medientechnologie macht den Computer zum mobilen Atelier – damit können sich Künstler überall Inspirationen für Kunstwerke holen. Das ist freilich nichts Neues: Auf Reisen hatten sie früher ihre Skizzenblöcke dabei. Allerdings kann heute das Konzept, also auch die digitale Notiz, bereits das eigentliche Kunstwerk ersetzen. Für dessen Umsetzung werden aktuell oftmals die „Schwestern“ des Künstlerateliers – Galerie und Museumsraum – genützt. Doch bleibt der spezielle Arbeitsraum in Gebrauch, denn die Palette an Handwerk und Materialien im Dienst der Kunst hat sich seit 1960 sogar erweitert, man denke etwa an Fett, Filz, Blut oder Honig. So bleibt das Atelier virulenter Ort für alle jene, die neugierig an der Ideen­quelle lauern.

Von der Höhle zur Factory
Die ersten Malwerkstätten fanden sich bereits in steinzeitlichen Höhlen. Die Kunstfertigkeit der prähistorischen Menschen wurde oft mit der Leonardos und Michelangelos verglichen. In Felsmulden mischten sie Erdfarben und Kohle mit Wasser. Die Skulpturen und Grabbeigaben zu den Wandmalereien in Theben-West seit Amenophis I. (um 1520 v. Chr.) stammen aus den Ateliers des heutigen Deir el-Medina, einer Kunsthandwerkersiedlung. In den künstlerischen Werkstätten Babylons wurde von Karenz der Kunsthandwerkerinnen berichtet, und schon in der griechischen Klassik ließen Stars wie der Bildhauer Phidias am Ort eines großen Auftrags Atelierhäuser errichten. Für Olympia konnte 2002 nach Grabungen eine Halle von 13 Metern Höhe neben Wohnbauten rekonstruiert werden, in der 440/30 v. Chr. viele Spezialisten für Holz, Metall, Glas und Bronzeguss die 12,37 Meter hohe, auf einem Thron sitzende Zeus-Statue angefertigt hatten. Von den gotischen Bauhütten über die Ateliers in Renaissance und Barock bis zu Andy Warhols „Factory“ und in die Postmoderne haben berühmte Künstler seit jeher einen Stab von Assistenten.

Um die Gunst, die Staatsmann Perikles Phidias in Athen für die Ausstattung des Parthenon-Tempels mit der Geste eines Fürsten gewährte, wurde wie in allen demokratischen Verfassungen wegen der Höhe der Geldzuwendungen gestritten, doch im Hellenismus war das Prestige von Künstlern wie Apelles so hoch, dass dieser als Hofmaler Alexanders des Großen laut Plinius sogar dessen Hetäre Kampaspe als Geschenk erhielt. Neben der künstlerischen Repräsentation, die durch ihre Arbeitsräume in Palästen gegeben war, steht diese Geschichte am Anfang eines publikumswirksamen erotischen Bezugs von Malern zu ihren Aktmodellen, der bis zur Bohème von Pablo Picassos Atelier am Pariser Montmartre und Gustav Klimts „Harem“ in seinem Hietzinger Atelierhaus reicht. Diese über Jahrhunderte währende Geschlechterzuschreibung – hie aktiver Künstler, da passive Muse – unterbrachen Ausnahmekünstlerinnen.

Der gemalte Atelierraum
Doch es gab auch den anderen Blickwinkel auf das Atelier als Ort der künstlerischen Forschung: weg von der rein handwerklichen Stätte hin zum brodelnden Ideenlabor. Damit entstand ein eigener Bildtypus, das Atelier- und Galeriebild.

Die berühmtesten Atelierdarstellungen sind Meta-Malerei. Hinter der vordergründigen Darstellung des Künstlers an der Staffelei verbergen sich weitere Denk­ebenen – Elemente, Allegorien und grundsätzliche Fragen, von Vermeers „Die Malkunst“ über Velázquez’ „Las Meninas“ bis zur sozialpolitischen Haltung, die sich in Gustave Courbets „Atelier des Künstlers“ 1855 widerspiegelt. Schon die Renaissance versuchte Ateliers von großen Künstlern wie Raffael oder Leonardo als Museumsräume zu konservieren, was Geniekult und Romantik im 19. Jahrhundert unterstützt haben, und in der Moderne stehen Kurt Schwitters’ Merzbau, das chaotische Atelier Francis Bacons und die besondere Werkanordnung im Bildhaueratelier Constantin Brâncusșis als bekannteste Beispiele dafür. Doch auch die Club- und Kommunenatmosphäre in Andy Warhols und Robert Rauschenbergs Lofts in New York sind nicht vergessen.

Wo sich Gedankenreisen manifestieren
Es bleibt also spannend, Ateliers auch nach Bohème und Geniekult, nach gesellschaftlicher Repräsentation und Paro­dien wie jener Vito Acconcis 1972 in der Sonnabend-Galerie zu besuchen, als er die schöpferische Fruchtbarkeit unter einem doppelten Boden masturbierend auf seinen Körper übertrug. Es geht darum, Denkräume zu sehen und Protagonisten zu befragen, wie sich Gedankenreisen heute manifestieren, ob auf Papier oder Leinwand, ob in Holz, Textil, Kunstharz oder auf dem Computer.

Artikel von Brigitte Borchhardt-Birbaumer:

Brigitte Borchhardt-Birbaumer ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Ausstellungskuratorin. Lehrtätigkeit an der Uni Wien, der Akademie der bildenden Künste Wien und am Max Reinhardt Seminar. Seit 2009 im Aufsichtsrat des KHM.



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