Curated by_vienna

Foto: © Carolina Frank

Wien hat als Standort zeitgenössischer Kunst an Profil gewonnen. Das ist nicht zuletzt dem Galerienfestival curated by_vienna zu verdanken: 2009 wurden mit Unterstützung von departure erstmals internationale Kuratoren zur Gestaltung eines Ausstellungsparcours geladen. Nach Umstrukturierungen in der Wiener Förderlandschaft musste man die Organisation 2018 selbst stemmen. Die Träger des Festivals über Status und Zukunft der Wiener Galerienszene.

Was hat sich seit dem Start von curated by_vienna auf dem Wiener Galeriensektor verändert?
Martin Janda: Früher haben nur Galerien, die an internationalen Messen teilnahmen, bei curated by_vienna mitgearbeitet. Dadurch war gewährleistet, dass das Projekt nach außen gerichtet ist und man internationale Kontakte pflegt. Nun gibt es eine neue Gruppe junger Galerien, die sich sofort international ausrichten. Ich bin froh, dass Kollegen, die schon lange am Markt sind, das als Belebung sehen.
Ursula Krinzinger: Ich fand es überzeugend, wie sehr die Wiener Galerien qualitätsbezogene internationale Programme gestalteten. Das hatte eine beachtliche Zahl österreichischer Zulassungen bei internationalen Messen zur Folge.
Rosemarie Schwarzwälder: Es zeigt auch, dass der internationale Handel für jüngere Galerien unabdingbar zum Geschäft gehört. curated by_vienna zieht zudem internationale Kuratoren und Sammler an. Die enge Kooperation mit der viennacontemporary schafft zusätzliche Synergien.
Gabriele Senn: Synergien sind für die Galerien wichtig, aber der Standort Wien behauptet sich ja auch über seine vielen Kunstschaffenden und eine spannende neue Szene, die dieser Synergien bedarf.
Martin Janda: Das Inhaltliche stand bei curated by_vienna immer im Vordergrund. Viele der Kuratoren sind heute Museumsdirektoren, haben eine documenta geleitet oder Ähnliches erreicht.
Emanuel Layr: Man hat mit vielen Top-Leuten zu tun, die das Projekt in alle Welt tragen, die unterrichten, in Lehrgängen darüber sprechen etc.

Lässt sich solche inhaltliche Arbeit auf Marktbasis finanzieren? Galerien abseits der globalen Mega-Unternehmen sollen es ja schwer haben …
Ursula Krinzinger: Maximal zehn „Mega-Galleries“ weltweit machen Milliarden­umsätze, sind auf vielen Kunstmessen zu finden. Dadurch müssen die sehr gefährdeten „Mid-Galleries“ andere Strategien verfolgen: Communities, Zusammenarbeit, Sponsoren etc.
Martin Janda: Enorm wichtig wäre es, den österreichischen Museen mehr Budget für Ankäufe zur Verfügung zu stellen.
Gabriele Senn: Schon lange gibt es ja auch die Idee einer Österreich-Stiftung. Eine Umsetzung und die Kooperation mit der Wirtschaft würden sehr helfen.
Rosemarie Schwarzwälder: Politiker denken oft, dass Galerien nichts brauchen. Es genügt nicht, nur etwas für junge Galerien zu tun – denn eine Szene lebt auch von dem, was seit Langem besteht, weil viel Arbeit getan wurde.
Martin Janda: curated by_vienna ist kein kommerzielles, sondern ein Standortprojekt. Damit sind wir aber auch Bot­schaf­t­er – wenn einige Galerien international großes Renommee haben, teilen sie es mit den Jungen im Pool.
Ursula Krinzinger: Allerdings kann passieren, dass man bei der Realisierung der Idee eines anspruchsvollen Kurators in ein großes Minus saust und dann versuchen muss, dieses durch andere Ausstellungen oder Messen zu kompensieren – was sich meist als äußerst schwierig erweist.

Ein Konflikt scheint dem Projekt curated by_vienna immanent zu sein: Eine Gruppe von Galerien hat die Ressourcen aufgebaut und bestimmt darüber, welche Galerien teilnehmen – und eine andere Gruppe wäre gerne dabei.
Emanuel Layr:Ja, darunter leiden wir alle. Denn wir möchten neue Galerien haben und damit die Gesamtqualität aufwerten. Zunächst war es aber wichtig, das Projekt überhaupt weiterführen zu können. Man wird sich überlegen müssen, wie man die Auswahl künftig regelt.

Wenn das Projekt aufwendig und finan­ziell riskant ist – warum lohnt es sich doch?
Rosemarie Schwarzwälder: Weil es gelingt, durch geladene Kuratoren in eine ganz andere Dialogform zu treten, sein Programm zu erweitern – und auch neue Kontinuitäten zu schaffen.
Ursula Krinzinger: Die internationale Strahlkraft ist wirklich beeindruckend. Das bringt uns ein größeres Plus als nur das Finanzielle. Man muss auch immer wieder betonen: Die Politik sieht nicht, was die Galerien für den Standort Wien tun.

Artikel von Michael Huber:

Michael Huber, geboren 1976, ist seit 2009 Kunstkritiker der Tageszeitung Kurier. Er studierte Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte in Wien und New York (NYU) sowie Kulturjournalismus an der Columbia University, New York.



Auf Facebook teilen
Auf Twitter teilen

Schließen

Share your selection:
Add event to selection