Auf Augenhöhe

Political Futures Talks / Foto: Kunsthalle Wien 2018

Mit dem Lenbachhaus in München steht Matthias Mühling einer Institution vor, die im Geist des aufgeklärten Bürgertums gegründet wurde. Sie ist damit etwas grundsätzlich anderes als ein staatliches Museum, das auf dem Erbe aristokratischer Eliten aufbaut. Wie man diesem aufgeklärten Anspruch auch im 21. Jahrhundert folgt und dabei die richtigen Strategien findet, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, darüber spricht Mühling im Rahmen der VIENNA ART WEEK.

„Nach der Gründungsidee des Lenbachhauses werden die Kunstwerke von Menschen betrachtet, denen diese Dinge auch gehören. Das ist die utopische und gleichzeitig praktizierte Idee eines zivilen Gemeinwesens. Das Lenbachhaus ist also ein Museum, das auf der Idee der Demokratie basiert. Und so sehen wir uns auch.“ Das sagt Kunsthistoriker und Kurator Matthias Mühling, der seit 2014 das Münchner Kunstmuseum leitet. Bei der VIENNA ART WEEK wird er im Dialog mit Vanessa Joan Müller, Dramaturgin der Kunsthalle Wien, die Herausforderungen musealer Ausstellungspraxis zwischen Kunst und Gesellschaft auch am Beispiel des Lenbachhauses erörtern.

Mühling möchte jedenfalls Kunst präsentieren, die „sich herausfordernd an den großen Themen unserer Gesellschaft abarbeitet und gleichzeitig im besten Sinne populär ist“, denn „theoretisch sollen sich Institution und Publikum in einer städtischen Institution auf Augenhöhe begegnen. Dass dies in der Praxis anders aussieht und auch das Lenbachhaus es noch nicht ganz schafft, alle Menschen unabhängig von Bildung und Herkunft zu erreichen, ist eine Realität, an deren Verbesserung wir tagtäglich arbeiten.“

Widersprüche nicht verstecken
Das Lenbachhaus ist berühmt für die Kunst des Blauen Reiter, besitzt Bedeutendes von Münchner Schule, Neuer Sachlichkeit, internationaler Gegenwartskunst, zeigt aber ebenso Ausstellungen zu aktuellen Themen. Wie schafft man diesen Spagat?

„Wir haben ein engagiertes und kluges Team. Das mag platt klingen, aber wir diskutieren und streiten viel miteinander – wir nehmen uns die Zeit dazu. Gemeinsam mit Vermittlern und Kuratoren entwickeln wir, wie die Projekte aussehen sollen. Wir arbeiten daran, unsere eigenen Hierarchien und Dünkel loszuwerden oder uns ihrer zumindest bewusst zu sein, die Widersprüche unserer Arbeit nicht zu verstecken. Nur durch die Auseinandersetzung und die Vielstimmigkeit können wir vermeiden zu verstauben. Ganz wichtig ist jedoch auch, dass wir mit der Unterstützung von externem Wissen zuerst eine Diagnose unserer Gegenwart vornehmen: Wie ist der Zustand unserer Gesellschaft? Welche Fragen bewegen die Menschen? Wovor haben wir Angst? Was gilt es zu verteidigen? Erst wenn wir uns darüber klar sind, können wir auch die Projekte entwickeln, die sich diesen Themen stellen.“

Raum für Austausch
Erst kürzlich fand zeitgleich so Konträres wie Ausstellungen zu Gabriele Münter und Stephan Dillemuth sowie der feministische Wikipedia-Edit-a-thon statt. „Wir wollen unser Publikum lieber erreichen als bedienen, und erreichen heißt durchaus auch herausfordern“, kommentiert das Mühling. „Manche mögen das Lenbachhaus, eben weil wir diese Dinge zusammen denken.“ Zur gesellschaftlichen und politischen Relevanz der Kunst und der Funktion eines Museums meint er: „Vor einigen Jahren hätte ich vielleicht die Möglichkeiten der Institution Museum als Raum für Austausch und Diskussion skeptischer gesehen. Aber gerade jetzt, da die politische Diskussion und der öffentliche Umgang miteinander härter geworden sind, denke ich, dass das Museum und andere kulturelle Institutionen einen Raum bieten, in dem man sich in Sicherheit austauschen und auch streiten kann. In einer Zeit, in der die Angst vor dem Fremden wächst, müssen sich Institutionen, die für die Kunst zuständig sind, um den Abbau dieser Angst bemühen. Wir müssen und wollen ein Ort sein, an dem sich Menschen begegnen können, die sich normalerweise nicht mehr begegnen.“

Artikel von Stefan Musil:

Stefan Musil lebt als Kunsthistoriker, freier Kulturjournalist und Musikkritiker in Wien.

Matthias Mühling
Zur Person: Geboren 1968, lebt seit 2005 in München. Hintergrund: Studium der Kunstgeschichte, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Politikwissenschaften in Bochum und Münster. 2003 bis 2005 Hamburger Kunsthalle. Von 2005 bis 2013 Leiter der Abteilung Sammlungen / Ausstellungen / Forschung und Sammlungsleiter für Kunst nach 1945 am Lenbachhaus.
Highlights: Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, z. B. Einzelausstellungen zum Werk von Monica Bonvicini, Angela Bulloch, Tom Burr, Willie Doherty, Marcel Duchamp, Maria Lassnig, Sarah Morris, Gabriele Münter oder Florine Stettheimer, Gruppenaustellungen zum Thema Videokunst, Emotionen, Arbeitsbedingungen oder Mondrian und De Stijl.
Heute: Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau in München.



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