Ästhetik des Riskanten

„Ich verfolge generell einen dialogischen Ansatz, ein Zusammen­arbeiten mit Kunstschaffenden.“

Foto: Felicitas Thun-Hohenstein (li.) und Renate Bertlmann (re.) © Irina Gavrich

Felicitas Thun-Hohenstein: Wie sie den Österreich-Pavillon der kommenden Biennale von Venedig kuratiert und dabei die Grenzen des Formats erweitert, was wichtig am Werk der Biennale-Künstlerin Renate Bertlmann ist, und worüber sie bei der VIENNA ART WEEK mit der US-amerikanischen Performancetheorie-Ikone RoseLee Goldberg diskutieren wird.

Wie gehen Sie an die Kuratierung des Österreich-Pavillons heran?
Felicitas Thun-Hohenstein: Ich verfolge generell einen dialogischen Ansatz, ein Zusammenarbeiten mit Kunstschaffenden, wie auch jetzt mit Renate Bertlmann. Sie entwickelt eine neue Arbeit für den Pavillon, eine große Installation. Bertlmann hat einen Werkkorpus aus mehr als 40 Jahren vorzuweisen. Mit diesem wird die In-situ-Arbeit für den Pavillon kontextualisiert, was sich wiederum im Katalog fortsetzt.

Gibt es noch mehr Initiativen über den Pavillon hinaus?
Felicitas Thun-Hohenstein: Die zeitliche und örtliche Begrenzung der Ausstellung wird unter anderem ausgedehnt, indem wir gemeinsam mit Andreas Spiegl, in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien, die Reihe der „Biennale Lectures“ veranstalten. Dadurch beginnt die Biennale schon in Wien, begleitend zu den Vorbereitungen. Bertlmanns Arbeit für Venedig wird nach der Biennale für ein weiteres halbes Jahr im Oberen Belvedere gezeigt.

Wie muss man sich die Lectures vorstellen?
Felicitas Thun-Hohenstein: Die Biennale selbst soll als kulturpolitisch gleichermaßen bedeutsame wie umstrittene Ausstellungsinstitution in Form von Vorträgen von Wissenschaftlern, Künstlerinnen und Künstlern kritisch erörtert und zur Diskussion gestellt werden. Eröffnet wird die Reihe im September mit einem Vortrag von Ralph Rugoff, dem Generalkurator der Biennale von Venedig 2019. Die Künstlerinnen Sophie Thun, Ipek Hamzaoglu und Laura Nitsch werden mit ihren Kameras alle Aktivitäten des Projekts begleiten.

Hängt dieses Format mit Ihrer bisherigen Forschungstätigkeit zusammen?
Felicitas Thun-Hohenstein: Die Untersuchung der Vermittlung von Kunst beschäftigt mich seit 20 Jahren. Ich begleite auch ein PEEK-Forschungsprojekt, das Fragen nachgeht wie: Was ist eine Lecture, was ein Panel, ein Workshop oder eine Ausstellung? Die erste Biennale-Lecture, „Kunst und die künstlichen Grenzen nationaler Kulturbegriffe“, verortet sich zum Beispiel im Planetarium. Jakob Lena Knebl begleitet die Lectures mit räumlichen Interventionen. Beim zweiten Thema, „Ästhetik des Riskanten“, geht es um feministische künstlerische Praxis. Und schließlich werden als „Politik des Temporären“ die Zeitkorsette von Ausstellungsformaten hinterfragt, die der künstlerischen Praxis ja widersprechen.

Was ist für Sie das Charakteristische an Bertlmanns Werk?
Felicitas Thun-Hohenstein: Ich würde es eine „Ästhetik des Riskanten“ nennen. Eine formale und konzeptuelle Radikalität und Präzision, die so bestechend ist wie ihr großes Interesse an Materialität in seinem Eigensinn. Ein Werk aus Objekten, Performances, Filmen und Videos, das von tausenden Papierarbeiten seit den 1970er-Jahren begleitet wird. Ein permanentes Handeln mit künstlerischer Sprache von großer Intensität.

Bei der VIENNA ART WEEK werden Sie mit RoseLee Goldberg diskutieren. Wie unterscheidet sich Ihre Perspektive auf Performance von Goldbergs Ansatz?
Felicitas Thun-Hohenstein: Goldberg kommt aus der modernistischen amerikanischen Theoriebildung, die Ende der 1970er Performance nur als aus Tanz oder Theater generierten Crossover definieren konnte. Meinem Ansatz zufolge definiert sich performative Kunst als Leistung der bildenden Kunst selbst. Für mich ist der Live-Aspekt nur ein Teil und oft auch nur eine Passage im Werk der Künstlerinnen und Künstler. In der Nachkriegszeit haben die europäischen Kunstschaffenden ganz andere Zeichen gesetzt als die amerikanischen. Hier, speziell in Wien, stand die Psychografie des Körpers im Zentrum, im Sinn nicht einer Analyse, sondern einer Ausgesetztheit nach zwei Weltkriegen und einer Spiegelung von gesellschaftlichen Verhältnissen.

Artikel von Helmut Ploebst:

Helmut Ploebst ist u. a. Tanzkritiker der Tageszeitung Der Standard, leitet das Internetmagazin CORPUSWEB.NET und lehrt Performancetheorie am Institute of Dance Arts an der Bruckneruni/Linz.

Felicitas Thun-Hohenstein
Zur Person: Geboren 1964 in Klagenfurt. Lebt in Wien. Hintergrund: Studium der Kunstgeschichte in Paris und Wien. Kuratorin, seit 2005 Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der bildenden Künste Wien.
Highlights: Leitung Cathrin Pichler Archiv für Wissenschaft, Kunst und kuratorische Praxis; 2016 Ausstellung „Pro(s)thesis“ in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, co-kuratiert von Berenice Pahl. Publikationen u. a. „Performanz und ihre räumlichen Bedingungen. Perspektiven einer Kunstgeschichte“ (Wien 2012).
Heute: Kuratorin des Österreich-Pavillons bei der Biennale von Venedig 2019 www.biennalearte.at.



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